Es gab einen großen Theaterabend, als Fritz Kortner in den Münchner Kammerspielen seine "Zwiesprache" zur Uraufführung brachte. Als Regisseur in eigner Sache hatte er für eine brillante Besetzung gesorgt, und da seine Spielführung aus den Elitekräften obendrein noch das Beste herauszuholen wußte, so ist wohl kein Zweifel daran möglich, daß die Interpretation als ohne Abstrich authentisch zu gelten hat, daß sie dem Autor Kortner jedenfalls nichts schuldig blieb.

Das festzustellen ist wichtig, denn am Ende drängte sich auch dem gutwilligsten Premierengast die Frage auf: was von dem Stück wohl übrig bleiben möchte, wenn es einmal mit geringeren Mitteln vorliebnehmen müßte? Ganz abgesehen davon, daß von dem sehr freundlichen Publikumsecho ein beträchtlicher Teil dem selbstverständlichen Respekt entsprang, den man der Persönlichkeit des großen Bühnenveteranen jederzeit zu zollen bereit ist. Er erweist sich bei jeder Gelegenheit von neuem als einer der Jüngsten, was künstlerischen Elan, geistige Konzentration und ideologische Aggressivität betrifft. Daher es denn auch in diesem vieraktigen Streitgespräch von scharf pointierten Formulierungen ein-, zwei- und vieldeutiger Art, von bitteren Sentenzen und wohlgezielten multilateralen Seitenhieben nebst moralphilosophischen Kernsprüchen nur so wimmelt.

Die Ausbeute an geistreichen Sticheleien ist so groß, daß sie für die Schwächen der dramatischen Konzeption entschädigen könnte, wenn den Redeströmen eine rationellere Grenze gesetzt wäre. Präziser gesagt: das Stück vertrüge (im ersten und im letzten Akt) noch einige resolute Kürzungen.

Die Begebenheit ist folgende: Das Ehepaar Mehnert feiert seinen zehnten Hochzeitstag. Es war für beide Partner eine zweite Ehe, und zwar was man so eine glückliche nennt. Aus nicht ganz einleuchtenden Gründen aber beschwört der festliche Tag eine gefährliche Abrechnung herauf:

Die Vorvergangenheit wird durchwühlt, und zutage kommt viel häßlicher Konfliktstoff, verschärft durch erbitternde politische Reminiszenzen.

Die beiden Söhne (der eine vom Mann, der andere von der Frau aus erster Ehe in die zweite mitgebracht) haben einen Skiausflug unternommen. Die Nachricht, daß einer von ihnen durch eine Lawine getötet sein soll, bringt die Auseinandersetzungen vorübergehend zur Ruhe. Doch bevor noch irgendeine Gewißheit über das Schicksal der Jungen besteht, hat der neu entfachte Streit die Gatten endgültig entzweit. Sie verlassen das Haus nach verschiedenen Seiten – wie man nach voraufgegangenen Versicherungen annehmen muß: zum Freitod bereit, über ihr wahres, tieferes Wesen weiß übrigens der Zuschauer nach dem letzten Aktschluß nicht mehr als in der ersten Szene, in welcher noch eitel Einvernehmen, ja, herzliche Liebe herrschte.

Weit wirklichkeitsnäher als die beiden Hauptfiguren, die von Martin Held und Marianne Hoppe so glaubwürdig wie möglich gestaltet wurden, wirkten die prächtig gezeichneten Nebenpersonen: Eva Christian als Dienstmädchen Toni; Karl Paryla (Sonderapplaus bei offener Szene) als Professor Ewald, ein Emigrant voll skurriler Ironie; Paul Verhoeven als vergnügungssüchtiger, alternder Spekulant; Hortense Raky als dessen liebeshungriges Gespons; Georg Thomalla als Musikbohemien moderner Spielart und Hans Reiser als dumm-eitler Mime.

Fast zwei Hände voll profilierter Rollen, eine Menge effektvollen Redestoffs – und doch keine recht überzeugende Dichtung. Indessen: man hat von berühmteren Autoren – als Autoren berühmteren! – schon weniger kluge Dialoge gehört. Und nicht hinter allen soviel engagiertes, warmes Menschentum, wie es doch immer wieder hinter Kortners rhetorischen Bissigkeiten und noch mehr hinter seiner rücksichtslosen Psychoanalyse spürbar wird. Walter Abendroth