Th. S., Oxford, im April

Vierzehn Jahre lang war ein blühender Magnolienbaum das Wahrzeichen der Königswinter-Konferenz. Er stand in Königswinter am Rhein vor dem Adam-Stegerwald-Haus und blühte für die deutsch-englische Verständigung. In diesem Jahr war das Wahrzeichen zum erstenmal ein Pfirsichbaum. Er stand vor dem altehrwürdigen Christ Church College in Oxford; dorthin hatten zur Abwechslung einmal die Engländer siebzig Deutsche zum 15. deutsch-englischen Treffen eingeladen.

Königswinter gehört zum Frühling wie Baumblüte oder Ostern. Es bietet Politikern, Abgeordneten, Wissenschaftlern, Presseleuten und Professoren Gelegenheit, den nationalen Puls des Partners zu fühlen. So hat es über die Jahre stets einen getreulichen Maßstab für die Sorgen der Bundesrepublik und Großbritanniens geliefert.

Es war am vergangenen Wochenende nicht anders. Und mochte auch die Kälte von Jahrhunderten in dem ockerfarbenen Oxford-Gemäuer sitzen, die Wärme freundschaftlicher Verbundenheit, die sich in anderthalb Jahrzehnten gebildet hat, half auch über die nicht vorhandenen Heizungsanlagen hinweg.

"Bündnisse im Umbruch" hieß das Generalthema der Konferenz. Eine Arbeitsgruppe widmete sich speziell dem Phänomen des Polyzentrismus im Ostblock, beherrschende Themen der drei anderen Gruppen bildeten jedoch die allenthalben sichtbaren Zerfallserscheinungen innerhalb des westlichen Bündnisses. Dieser westliche Polyzentrismus wurde in seinen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Aspekten gründlich durchleuchtet. Dabei ergab sich einhellig die Diagnose "Schwindsucht"; auch wurde rundum das therapeutische Fernziel gutgeheißen, den Patienten wieder zu Kräften zu bringen. Wie freilich dies am besten zu bewerkstelligen sei, das wußte niemand zu sagen. Ratlosigkeit war Trumpf auf allen Seiten, sie machte vor keiner Grenze halt, die Pässe oder Parteimitgliedskarten normalerweise ziehen.

Die alten gegenseitigen Vorwürfe spielten bei den Diskussionen kaum noch eine Rolle. Wohl aber wurde abermals über die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie geredet, doch eher am Rande und längst nicht mehr mit dem früheren Missionseifer; die Anerkennung des Ulbricht-Regimes wurde nicht einmal von Labour-Mitgliedem noch ernstlich gefordert; auch das Disengagement-Projekt spielte nur mehr eine periphere Rolle. Das eigentliche deutsch-englische Verhältnis, dem sich in früheren Jahren stets eine Arbeitergruppe "gegenseitige Mißverständnisse" widmen mußte, bot diesmal keinen Diskussionsstoff. Die alten Spannungen sind längst geschwunden, und der britische Industrieminister Edward Heath hatte wohl recht, als er der Konferenz in aller Form versicherte: "Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind in diesem Jahrhundert kaum je so eng gewesen wie heute."

Auch der "Buhmann" so vieler vergangener Königswinter-Treffen, Nikita Chruschtschow, wurde in Oxford nur selten genannt – viel seltener jedenfalls als Charles de Gaulle. Frankreichs Staatspräsident saß unsichtbar aber sehr gegenwärtig mit am Tisch. Er erschien vielen als das große Hindernis auf dem Weg zum größeren Europa, wie auch zur atlantischen Partnerschaft. Warten auf de Gaulle, so wurde die westliche Aufgabe von manchen Rednern definiert, niemand jedoch vermochte andererseits in solcher Passivität den letzten Schluß der politischen Weisheit zu sehen. Ein Wille zur Gemeinsamkeit müsse wieder sichtbar und wirksam werden, so wurde gefordert. Es blieb aber dahingestellt, wie er erzeugt werden könne – ausgerechnet in einem Moment, in dem England, die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik vor Wahlen stehen.