Früher bin ich an dem winzigen Schaufenster in der Kärtner Straße immer vorbeigegangen Ein Hut und ein Seidenschal, daneben ein visitenkartengroßes Schild: Farnhammer. Diesmal habe ich mir eine Modeschau im Salon, erster Stock, angesehen und dabei entdeckt, was Wiener Mode heißt: souveräne modische Einfälle, geistreiche und witzige Abwandlungen der Vorbilder aus Paris und vor allem eine handwerklich exakte und "materialgerechte" Verarbeitung. Ich erinnere mich genau eines Chiffonkleides; es bekam dadurch Form, daß der Rock unter dem plissierten Überrock mit einem handbreiten schwer bestickten Saum endete. Dadurch "stand" das Kleid, und das Plissee spielte und tanzte dennoch leicht und anmutig so, wie es Chiffon tun soll. Ein anderes kleines Abendkleid hatte streng à la Mode je einen spitzen Ausschnitt vorn und hinten bis tief unter die Taille. Doch die Ausschnitte waren mit hautrosa Voile eingesetzt und züchtig hochgeschlossen, so daß der Trägerin auch beim Bücken oder Beugen keine Gefahr drohte. Die beiden Räume des Salons waren gedrängt voll. Die Frau des Außenministers notierte sich mit gerunzelter Stirn Kleidernamen, die Mannequins nickten Kunden und Bekannten zu, und ich nahm mir vor, bis zum nächsten Besuch in Wien auf so ein taubenblaues Seidenkostüm zu sparen, das gerade vorübergeschwebt wurde.

In Wien hat man’s bequem, wenn man einkaufen will: Die schönsten Geschäfte liegen im und um den berühmten 1. Bezirk herum, und man kann an einem halben Nachmittag leicht an ihnen vorbeimäandern. Dafür ein Rat: nicht das eigene Auto benutzen. Man fahre mit der Tram, und Wiens Busse sind außer in den berüchtigten Morgen- und Spätnachmittagstunden niemals überfüllt, denn sie fahren alle fünf Minuten.

Erste Haltestelle: an der Oper. Wien ist berühmt für seine Stricksachen, und Bernhard Altmann ist der Bürge dieses Ruhmes. Vis-à-vis der Oper, im Heinrichshof, ist die "Cashmere-Zentrale" Bocara, einer der Läden, die hauptsächlich Altmann-Sachen zeigen. Altmanns kann man in London oder Hamburg auch kaufen, aber nur für den dortigen Geschmack gesiebt. Hier in Wien hat man die originale Fülle: Pullover, Kostüme, Jacken, schlicht bestickt, mit Straß und Perlen verziert, in raffiniert aufeinander abgestimmten Tönen kombiniert. Und: Altmann beschränkt sich nie auf eine oder zwei Modefarben.

Neben der Oper, am Anfang der Kärntner Straße, locken ein Lederwarengeschäft mit Schweinsledertaschen, bestickten Abendtaschen, ein paar Schritte weiter Habig, berühmt für seine Hüte: Austrian look, den man auch in der Stadt tragen kann. Dann verengt sich die Straße. Auf einem knappen Kilometer drängen sich der Flimmer billiger Souvenirländen und die elegante Pracht eines seit Jahrhunderten geschulten guten Geschmacks. In jedem zweiten Geschäft entdeckt man die klassischen Wiener Blusen, und in jedem Petit-Point-Sachen. Ein paar Namen:

Adlmüller mit der Boutique Adlmode: Kleider und Kostüme, Schals, Kopftücher und Modeschmuck, alles sehr erlesen und prägnant, ohne auffallend zu sein. Nicht gerade billig, aber seinen Preis wert. Asenbaum: Antiquitäten und alter Schmuck, unter dem es sich zu stöbern lohnt, wenn man Altwiener Broschen und zierliche Ringe und Ketten liebt. Lobmeyr: Glas und Porzellan; Glas – das sind nicht nur Gläser und Schalen, sondern vor allem: Lüster. Von Lobmeyr stammt der große runde Kristallüster in der Oper. Für den, der etwas länger in Wien ist, lohnt es sich, bei Lobmeyer Gläser gravieren zu lassen. Außerdem lernt man dort das ungarische Porzellan kennen: Herend. Es hat die typischen Formen des 18. und 19. Jahrhunderts und zeigt besonders schöne Dekore mit Insekten und Blumen. Tassen oder Schalen bieten sich als Souvenir an. Bei Mühlhäuser entdeckt man sehr österreichische Kinderspielsachen wie gelb-schwarze österreichische Postbriefkästen, Puppenstilmöbel, eine fabelhafte Auswahl von Puzzles, sogar mit Landschaftsbildern aus über 450 Stücken. Sacher: ein kleiner Laden, in dem das Hotel nur seine berühmte Torte verkauft, und zwar in allen Größen, von Miniaturtörtchen bis Wagenrädern. Sie sind gleich so verpackt, daß man sie gut transportieren oder verschicken (lassen) kann. Lanz: die Wiener Niederlassung des berühmten Salzburger Ladens. Gemäßigte Trachtenkostüme, -schuhe, -blusen, -taschen, -kleider. Der Luxustraum ist ein Wetterfleck, schwarz und schlicht, mit schwarzem Seal gefüttert; der erreichbare Traum sind hübsche Dirndl und Schürzen und herzige Taschentücher und Kopftüchln. Für Kinder: Dirndl, Söckchen, Jacken, Mäntel aus Loden.

Die Kärtner Straße endet am Stephansplatz. Zur Donau hin mündet sie in die Rotenturmstraße, nach links geht’s in den Graben. Gleich an der Ecke ist das Geschäft der Wiener Porzellannanufaktur Augarten. Niemand sollte es ausassen. Mir gefiel, daß es Tassen in verschiedenen Größen gibt: von zylindrischer Winzigkeit, die gerade einen Schluck heißen Türkischen fassen, über kleine und große Mokkatassen zu richtigen Lee- oder Kaffeeschalen. Reich ist auch die Auswahl von Cacbe-pots von klein bis gewaltig; ihre Form ist so klassisch, daß sie im Bundesmobiliendepot (der Möbelkammer der Habsburger) auf einer Biedermeier-Blumenetagere zwischen die echten Biedermeier-Übertöpfe gestellt sind. Hübsche und preiswerte Mitbringsel: eine Mokkatasse, stoßsicher verpackt, ein Lipizzaner daumengroß, der Levade macht, Aschenbecher.

Ein paar Schritte, und man steht der Peterskirche gegenüber. Sie ist so sehr der Inbegriff dessen, was man das "intime Wiener Barock" nennt, so golden und schimmernd und fröhlich und ernst, daß man nicht nur an ihr vorübergehen sollte, rechts in die Freisingerstraße hinein. Dort ist die Novotny, bei der man Gobelinstickereien bekommt, Taschen, Klingelzüge, Decken, Brillenfutterale, aber auch Stickmuster und Volle und Seide. Gratis gibt es dazu Rat und tausend Geschichten über Wien und das Sticken, Ein Schritt weiter ist: Hügler, der Juwelier. Zugegeben, Preziosen sind nicht jedermanns Reisenitbringsel, aber vielleicht kann man ein Weihrachts- oder Jubiläumsgeschenk in Wien besorgen, denn Hügler hat die apartesten Schließen für Perlenketten oder Perlenarmbänder, die ich kenne. Sie sind aus perlenrund geschliffenen Edelsteinen zusammengesetzt, zum Beispiel: in der Mitte ein Saphir, drumherum ein Ring kleiner Brillanten, drumherum ein Ring runder Türkise. Oder: in der Mitte ein Smaragd, drumherum ein Kreis blasser Saphire. Zu teuer? Gegenüber der Peterskirche ist ein Antiquitätengeschäft, das eine Sammlung von Jugendstil- und Biedermeier-Bechergläsern hat. Blaues Glas mit aufgemalten Vergißmeinnicht, rotes Glas mit weiß geschliffenen Punkten. Milchglas mit Goldschwänen.