Seit der Teilprivatisierung des Volkswagenwerks ist es um die breite Streuung des Aktienbesitzes ruhig geblieben. So eifrig und zäh Bundesschatzminister Dr. Werner Dollinger dieses Ziel auch verfolgte; die Widerstände gegen seine Eigentumspolitik waren zahlreich und mächtig. Jetzt sieht es so aus, als ob Dollinger – zum Ende der Legislaturperiode des Bundestages, ungefähr in einem Jahr – dem eigentumswilligen Bundesbürger doch noch Aktienbesitz im Wert von einigen hundert Millionen Mark anbieten kann.

Die bundeseigene Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG (Veba), die an den drei großen Konzernen Preussen-Elektra, Hibernia und Preussag beteiligt ist, benötigt dringend Kapital, damit die vorgesehenen Investitionen dieser drei Tochtergesellschaften finanziert werden können. Der Bund kann angesichts seiner leeren Kassen nicht einspringen. Das ist für Dollinger die willkommene Gelegenheit, neue Mittel durch Ausgabe neuer Veba-Aktien an Private zu mobilisieren. Die Kapitalnöte beseitigen und zugleich privatisieren, heißt für ihn, wirtschaftlich und politisch Zweckdienliches verbinden.

Gewiß hätte die Veba auch durch Kreditaufnahme die erforderlichen Mittel bekommen. Bilanz- und Erfolgsrechnung sind für das letzte Geschäftsjahr (30. September 1963) wieder überaus solide. Veba-Vorstandsmitglied Professor Alfred Hartmann, einst unter Schäffer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, möchte aber ein gesundes Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdkapital wahren und ist um eine ausreichende Kapitalausstattung besorgt. Heute deckt das Eigenkapital (450 Millionen Mark Aktienkapital und 157 Millionen Mark Rücklagen) nicht das Anlagevermögen (683 Millionen Mark). Hartmann möchte die Ertragskraft auch nicht durch einen hohen Schuldendienst und durch Nachsteuer (Körperschaftsteuer) schmälern. Hohe Gewinne reizen natürlich zum Kauf von Veba-Aktien und sichern einen ansehnlichen Ausgabekurs. Im letzten Jahr wurden (einschließlich eines Bonus von 0,5 Prozent 10,5 (im Vorjahr 9) Prozent Dividende ausgezahlt. Der Gewinn dürfte sich in den kommenden Jahren bei anhaltend guter Konjunktur noch erhöhen.

Die Preussen-Elektra (Abkürzung für Preussische Elektrizitäts-AG) ist mit ihren 18 Kraftwerken – von denen eines (in Wiesmoor) in ein Atomkraftwerk umgewandelt werden soll – ein Stromversorger, der den Vergleich mit den größten in der Bundesrepublik nicht zu scheuen braucht. Allein dieser Konzern benötigt 400 bis 500 Millionen Mark Investitionskapital, damit die Stromversorgung in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen in den nächsten Jahren sichergestellt ist.

Auch die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG kann nicht mehr lange auf Investitionskapital warten. Am parlamentarischen Widerstand scheiterte im Vorjahr der Versuch, durch eine Optionsanleihe mit Wandlungsrecht in VW-Aktien den Ausbau ihrer Betriebe zu finanzieren. Die Hibernia braucht die Mittel nicht nur für die Rationalisierung ihrer Kohlenzechen; sie hat auch erhebliche Chemie-Interessen (Scholven-Chemie bzw. BV-Aral und eine 25prozentige Beteiligung an den Chemischen Werken Hüls), erzeugte im letzten Jahr 4,2 Millionen Kwh Strom (34,2 Prozent mehr als im Vorjahr) und spielt in der Rheinschiffahrt (Fendel Schiffahrts AG, M. Stromeyer Lagerhausgesellschaft) eine beachtliche Rolle.

Der dritte Konzern, die Preussische Bergwerks- und Hütten-AG (Preussag) verbreitert mit großem Geschick seinen Tätigkeitsbereich. Seit der weitgehenden Privatisierung ist er aber für die Veba kein allzu lukratives Objekt mehr. Nur noch 16 Prozent des Aktienkapitals gehören ihr – das steuerlich interessante Schachtelprivileg ist erst ab 25 Prozent erlaubt. Eines Tages dürften auch die letzten 16 Prozent des Kapitals privatisiert werden.

Still geworden ist es um die Einbeziehung der Hugo Stinnes AG, die übrigens nur den Namen mit den in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Stinnes-Unternehmen gemeinsam hat. Sie wäre eine wertvolle Ergänzung der Hibernia. Das Bankenkonsortium, das die Aktien der Stinnes AG in Händen hält, konnte sich bisher nicht entschließen, das Aktienpaket dem Bund zur Teilprivatisierung zur Verfügung zu stellen, obwohl der Bund seinerzeit zum Aktienrückkauf aus dem Ausland viel beigetragen hat.