rob, Karlsruhe

Die "Hessenschau", das Regionalprogramm des Hessischen Rundfunks im Deutschen Fernsehen, war mit Mann und Kamera und Wagen zum Schauplatz geeilt. Hessens Bildschirme zeigten das seltene Ereignis, daß Polizeibeamte gewinnträchtige Parkuhr-Alleen und wohnliche Radar-Automobile verlassen hatten und dafür zu Fuß eine naßkalte Autobahnstrecke abliefen. Freilich waren sie dabei nicht auf der Jagd nach frechen Rechtsüberholern, nervenraubenden Langsamfahrern und sturen Linksfahrern, sondern sie waren Zeugen einer vermeintlichen Premiere.

Mit für Autobahnarbeiten ungewohnten Emsigkeit und sogar in Nachtarbeit legten Spezialisten im Streckenabschnitt Butzbach der Autobahn Frankfurt – Kassel eine "Stahlflachfahrbahn" von einem Kilometer Länge. Jene Behelfsfahrbahn soll für die nächste Zeit ermöglichen, daß trotz einer umfänglichen Baustelle der Autobahnverkehr auf vier Fahrspuren weiterrollen kann.

Solches hatte schon im Spätsommer vergangenen Jahres Nordrhein-Westfalens Innenminister Willi Weyer zur Behebung der chronischen Autobahnmisere vorgeschlagen. Freilich hatte der FDP-Innenminister von Stahlhochstraßen gesprochen. Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm freilich hatte des ressort- und parteifremden Ministers Vorschlag mit "Besserwisserei" und ähnlichen Bezeichnungen belegt.

Im Herbst hingegen trat Hans-Christoph Seebohm im Kurhaus zu Baden-Baden mit einem "revolutionären" Vorschlag an die Öffentlichkeit. Vor Bundesdeutschlands Straßenbauern forderte der Minister, auch während umfänglicher Bauarbeiten müsse der vierspurige Autobahnverkehr aufrechterhalten werden – auch durch Stahlstraßen, durch den Ausbau des Autobahnrandstreifens und die Befestigung von autobahnparallelen Feldwegen. Die Straßenbauer zollten den Plänen herzlichen Beifall.

Anfang April nun konnte Seebohm die 1000-Meter-Stahlstrecke einweihen.

Während sich jedoch Hessens Straßenbauherren und Minister Seebohm noch auf die Einweihungsfeierlichkeit vorbereiteten, während im Frankfurter Funkhaus noch der Bericht über die große Tat geschnitten wurde, rollte etwa 120 Kilometer südlich der Stahlstraße der Autobahnverkehr an zwei europaweit gefürchteten Baustellen schon vierspurig. Die eine ist die unweit der hessisch-badischen Landesgrenze gelegene Großbaustelle Viernheim, die andere die Dauerbaustelle zwischen den Anschlußstellen Walldorf-Wiesloch und Kirrlach-Kronau.