Von Wofgang Clemen

Professor Dr. Wolfgang Clemen ist Ordinarius für Anglistik an der Universität München, für das Shakespeare-Jahr 1964 Präsident der "Modern Humanities Research Association",Ehrenmitglied der "Modern Language Association of America" und wird am 23. April (zusammen mit Sir Laurence Olivier, Margaret Leighton, Peter Brook und Louis B. Wright) die Ehrendoktorwürde der Universität Birmingham verliehen bekommen.

Die lebendige Wirkung großer Werke der Vergangenheit läßt sich durch all das, was Wissenschaft und Kritik zu diesem Thema zu sagen haben, immer nur teilweise erklären. Denn sie entspringt der geheimnisvollen Erneuerungsfähigkeit und Unausschöpflichkeit, die zum Wesen der Kunst hohen Ranges gehören. Diese ist nämlich nie abgeschlossen "fertig" im Sinne einer aufzählbaren Summe ihrer Wirkungsmöglichkeiten, sondern wandelt und entwickelt sich so, wie die Geistigkeit der sie aufnehmenden Menschen sich von Generation zu Generation verändert.

Dennoch ist das innere Wachstum großer Kunst nicht allein von diesen Veränderungen des geistigen Bewußtseins von Epoche zu Epoche abhängig. Denn Kunst, die nicht der obersten Ordnung angehört, hat ihre abgemessene Lebensdauer und kann in ihren Wirkungen ungefähr überblickt und abgegrenzt werden.

Bei Shakespeare ist das anders. Er wird uns immer wieder vor neue Überraschungen stellen. Wir werden nicht aufhören, Neues in ihm zu entdecken, weil sein Drama uns immer wieder von einer neuen Seite her packen wird und uns dazu zwingt, nach anderen Antworten zu suchen auf das, was Shakespeare als Frage an uns richtet.

Die fortdauernde Lebendigkeit Shakespeares, die in unserer Zeit gegenüber dem neunzehnten Jahrhundert eher zugenommen als abgenommen hat, ist zunächst in etwas begründet, was fast zu selbstverständlich klingt, um ausgesprochen zu werden, bei der Erörterung der "Modernität" Shakespeares aber oft genug vergessen wird. Wäre Shakespeare nämlich nicht ein so außerordentlich erfolgreicher Bühnenautor und ein so vorzüglicher Dramatiker, der das Theater und seine Möglichkeiten durch und durch kannte, so würde auch all das, was uns im geistigen Gehalt, in der Thematik, im Wesen seiner Charaktere besonders modern erscheint, an Wirkung und Bedeutung erheblich verlieren. Shakespeare wäre dann ein Leseautor und gehörte wie so mancher andere zum klassischen Bildungsgut. Doch mit mehr als zweitausend Aufführungen, die alljährlich allein im deutschen Sprachgebiet an Dutzenden von Theatern über die Bühne gehen, besteht Shakespeare fast an jedem Abend neu die radikalste Probe auf Lebendigkeit, die es in der Welt der Kunst heutzutage wohl zu bestehen gibt.

Das Publikum, das in unseren Tagen in den Theatern sitzt, ist vermutlich ähnlich bunt zusammengesetzt wie in Shakespeares eigener Zeit. Ungebildete saßen da neben den humanistisch Gebildeten, Adlige neben Handwerkern; es gab sowohl die "Gründlinge" (auf den billigen Stehplätzen im Parkett), über die Shakespeare im Hamlet selber spottet, weil sie nur die groben Witze und die drastischen Theatereffekte verstanden, wie die Angehörigen der Oberschicht, die auch die verborgenen Anspielungen und subtilen Wortspiele zu würdigen wußten, Jeder von ihnen aber genoß das Schauspiel und nahm etwas davon mit nach Hause, jeder auf seine eigene Art. Und so ist es auch heute noch: Eine gute Shakespeare-Aufführung geht an keinem spurlos vorüber, denn das Shakespearesche Drama weiß jeden seiner verschiedenartigen Zuschauer in einer anderen Weise anzusprechen.