Von German Kratochwil

Ein trüber Weißwein aus Kastilien löste ihre Gemüter; dann saßen sie trunken in einem Ruderboot und schaukelten auf dem nachtschwarzen Wasser des Guadalquivir. Gitarrengeklimper, Gesang und Gelächter. Es war am Anfang der zwanziger Jahre. Außer ein paar alten Damen und dem Saaldiener fand sich niemand zu ihrer Dichterlesung ein. Durch die halbgeöffneten Fenster kamen von der Straße die lebhaften Stimmen junger Menschen, die vielleicht nicht ganz so jung waren wie diese hier, auf denen die mühsame Verpflichtung lastete, die besten modernen Dichter Spaniens zu werden. Nach dem Essen konnten sie endlich, über Dámaso Alonsos Empörung lachen: Seine feurige Apologie der "neuen Dichtung" war gegen Ende vom Schnarchen des Saaldieners begleitet worden.

Ein Dutzend Jahre später verlor die Gruppe als ersten Federico García Lorca, den die Falangisten erschossen. Und die anderen, Rafael Alberti, Pedro Salinas, Jorge Guillén, Vicente Aleixandre, Gerardo Diego erduldeten die Diaspora der spanischen Intellektuellen. Paris, New York, Mexiko, Buenos Aires hießen die Stationen ihres Exils; manche starben, wie Pedro Salinas, im Ausland.

Die deutsche Übertragung dieser Dichter erscheint nun allmählich in zweisprachigen Auswahlbänden. Diese schmalen Ausgaben sollen dem deutschen Leser vier Jahrzehnte dichterischer Arbeit übermitteln; so lastet auf jedem das Pathos einer einmaligen Chance. Zu den jüngst erschienenen gehören –

Jorge Guillén: "Berufung zum Sein", ausgewählte Gedichte, Spanisch und Deutsch, übertragen von Hildegard Baumgardt; Limes Verlag, Wiesbaden; 116 S., 9,80 DM

und

Vicente Aleixandre: "Nackt wie der glühende Stein", ausgewählte Gedichte, Spanisch und Deutsch, Nachdichtung von Erich Arendt und Katja Hajek; Rowohlt Verlag, Reinbek; 256 S., Paperback, 12,80 DM.