Tel-Aviv, im April

Wir saßen in einem Literatencafe des Dizengoff-Boulevard von Tel-Aviv, der eine Mischung von Kurfürstendamm, Champs-Elysées und Orient ist, und spielten das Ratespiel, das man nur hier oder allenfalls in New York spielen kann. Nur hat New York keinen Dizengoff-Boulevard. Wir rieten die Herkunft der Leute, die vorübergingen: Einheimische, Einwanderer oder Touristen? Ob Orientalen, Europäer, ob Inder, ob Chinesen – das war natürlich leicht auseinanderzuhalten. Aber bei diesem Spiel kam es auf Nuancen an: "Der Mann mit dem glatten, runden Gesicht ist aus Bulgarien oder Rumänien", sagte ich. "Stimmt, Rumänien", sagte Ephraim Kishon, der neben mir saß. Zufällig kannte er den Mann. Er .kannte auch die meisten anderen. Viele hübsche Mädchen kamen vorbei, die durch ihren aufrechten Gang und ihre freie Haltung auffielen: Sabras, im Land geborene. Ein Mann, den ich für einen Engländer hielt und auch wieder nicht, war ein südafrikanischer Neueinwanderer. Eine blonde Polizistin stammte aus Australien.

Ephraim Kishon selbst, der humoristische Schriftsteller, dessen Bücher in der Bundesrepublik viel gelesen werden, schmal und blond, könnte ein intellektueller Bruder von Wolfgang Ebert sein, der uns zusammengeführt hatte. Kishon nahm die Brille ab und fragte: "Und woher komme ich nun?" – "Aus Ungarn", riet ich auf gut Glück (ich hatte die Biographie nicht gelesen). "Stimmt."

Dieses Straßenbild von Tel-Aviv ist eine lebendige Antithese gegen alle Rassentheorien, die behaupten, Juden seien Semiten. Vielen Israelis sieht man ihre Geburtsländer an; sie liegen in allen fünf Erdteilen. Da sind einmal die Orientalen, unter ihnen sehr eindrucksvoll die Leute aus dem Jemen, die durch die Aktion "Fliegender Teppich" mit dem Flugzeug aus Aden kamen. (Und die Bibel hat doch recht, es erfüllte sich eine beziehungsreiche alte Prophezeiung.) Aus ihrem mittelalterlichen Leben traten sie plötzlich in das zwanzigste Jahrhundert ein. Dann die anderen Orientalen aus Nordafrika und Asien, die der Fremde nicht von Arabern unterscheiden kann. Schließlich die Israelis europäischer Herkunft: aus Europa, aus Australien, Südafrika und Südamerika. Aber in diesem smelting-pot (Schmelztiegel) – ein aus den Vereinigten Staaten von Amerika übernommener Vergleich, doch scheint hier besser pressure-cooker, (Expreßdampftopf) zu passen – wächst die Bevölkerung mit jedem Jahr homogener zusammen. Die Unterschiede verschwinden. Das schreibt sich leicht. Aber noch ist es nicht soweit. Die Sabras sind stolz darauf, in Israel geboren zu sein, stachlig sind sie, viele blond. Orthodoxe tragen Schläfenlocken und werfen am Sabbat Steine nach fahrenden Autos – so jedenfalls lautet eine weitverbreitete Meinung.

Yekke nennt man die Leute, die aus Deutschland gekommen sind (nach ihrer Jacke, die sie anstatt des Kaftans trugen). Eine andere Version sagt: weil sie stets Jacken tragen in einem Land der Hemdsärmel. Ein Israeli aus Wien sagte mir, die Yekken seien an ihren "guten aber auch schlechten" deutschen Charaktereigenschaften herauszukennen: systematisch und kultiviert, fleißig zuverlässig, aber eben auch Theoretiker und Sklaven der Uhr. Was die Deutschen überall in der Welt von den anderen Menschen unterscheide, das zeige sich auch hier an den deutschen Juden. Sie litten unter der Krankheit des sozialen Neides, sie versuchten nicht nur den europäischen Standard zu halten, sondern auch Unterschiede von Standards und Klassen auszuprägen. Der Wiener sagte, dies habe auch einen historischen Grund. Die deutschen Juden hätten am stärksten die Assimilation betrieben. Sie seien wirklich Deutsche gewesen. Hingegen hätten die Juden in Rußland und Polen (viele von ihnen waren unter den ersten Einwanderern und sie seien heute in der Politik des Landes tonangebend) auf den Zionismus gesetzt und recht behalten. Wenn man Vergleiche mit den USA heranziehen wolle, dann spielen die Russen dafür heute die Rolle der Mayflower-Leute. Noch drei Millionen russischer Juden in der Sowjetunion werden an der Auswanderung gehindert.

Nicht nur die aus Österreich stammenden seien hier den Deutschen gegenüber kühl, es gilt auch umgekehrt, hörte ich später in weiteren gewagten Verallgemeinerungen. Es gibt Berge von offiziellen Druckschriften, Propagandamaterial, philosemitischen Büchern, Studienberichten. Analysen und stereotypen Feststellungen. Es langweilt die Israeli wohl schon. Unvermittelt fragte mich der Wiener: "Warum sind Sie nach Israel gekommen? Aus Neugier?"

Ich hatte die Frage zuerst von Kishon gehört. Es schwang Selbstbewußtsein und Mißtrauen darin. Auch die "amerikanische" Frage: "Wie gefällt Ihnen unser Land? Was macht den meisten Eindruck auf Sie?" mußte immer wieder beantwortet werden. Fiel dann einmal die Antwort nicht wunschgemäß aus, so hieß es: "Kommen Sie in zehn Jahren wieder." Oder manchmal auch stolzer und überzeugter: "...nächste Woche." Ben Gurions Erklärung in einer Aussprache mit israelischen Journalisten über Deutschland fiel mir immer wieder ein: "Wir leben in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit. Vergangenheit ist vergangen."