Kurt Simon: "Nur Mut", ZEIT Nr. 15

Nachdem in der ZEIT in vielen Artikeln Mißstände im Gesundheitswesen, das deutsche Verkehrschaos, die Bildungsmisere, die Vernachlässigung von Wissenschaft und Forschung angeprangert wurden, ist für mich Ihre Einstellung zum Thema Steuersenkung unverständlich. Die Forderungen nach verstärkten Anstrengungen bei der Erfüllung öffentlicher Aufgaben und die Befürwortung von Steuersenkungen lassen sich nicht miteinander vereinbaren.

Eine Steuersenkung bedeutet doch, daß Mittel, die zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben bereitgestanden hätten, der Befriedigung von Individualbedürfnissen zugeführt werden. Das kann aber wohl doch nur dann Sinn haben, wenn die Individualbedürfnisse im Verhältnis zu den Kollektivbedürfnissen höhere Dringlichkeit haben.

Wenn aber einmal, wie bei uns in der Bundesrepublik, ein verhältnismäßig hoher Versorgungsstand erreicht ist, dann ist es an der Zeit, auch an die Erfüllung von Gemeinschaftsaufgaben zu denken. Ist im privaten Sektor ein gewisser Wohlstand erreicht, dann kann den berechtigten Interessen des Volkes nur dann gedient werden, wenn man den Kollektivbedürfnissen größere Aufmerksamkeit schenkt. Je höher der von einem Volk erreichte Versorgungsstand, um so wichtiger wird staatliche Aktivität.

Das erklärt sich folgendermaßen: Zur Bereitstellung von Nahrungsmitteln, Wohnraum, Kleidung usw. ist der Staat relativ unwichtig; denn Brot, Bier, Nylonhemden, Zahnbürsten und Schuhcreme werden vorbildlich von der Privatwirtschaft produziert und angeboten. Der Verbraucher wird bestens versorgt. Ein Beweis für die Leistungsfähigkeit der Privatwirtschaft auf diesem Gebiet läßt sich leicht durch einen Vergleich mit den Verhältnissen bei der Verwaltungswirtschaft erbringen. Diese Effizienz der Privatwirtschaft erstreckt sich aber nur auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Anders ist es mit dem Gesundheitswesen, dem Verkehrswesen, der Wissenschaft und der Forschung. Die Leistungen auf diesem Gebiet können nicht über einen Markt abgesetzt werden; hier sind keine Gewinne zu machen, folglich werden diese Gebiete für die Privatinitiative nie attraktiv.

Heinrich Burdack, Nürnberg

Willi Bongard: "Die Werbung geht einen gefährlichen Weg", ZEIT Nr. 13