In der großen Auseinandersetzung um die veränderten Voraussetzungen menschlichen Lebens und Handelns ist auch das Recht und der Sinn der Strafe heute in Frage gestellt. Auf diese Frage muß eine Antwort gefunden werden, die am Wesen des Rechts ebenso wie an der Praxis des Strafvollzugs, seiner Aufgaben und seiner Möglichkeiten orientiert ist. Wir laden die in den beiden großen Aufgabenbereichen Tätigen herzlich ein." Die in den "beiden großen Aufgabenbereichen Tätigen" – Richter, Staatsanwälte, Strafvollzugsbeamte, Bewährungshelfer, Geistliche und Fürsorgerinnen – folgten der Einladung der Evangelischen Akademie Loccum, aber sie konnten sich nicht dazu entschließen, den "Sinn der Strafe" auch "in Frage zu stellen". Das besorgte allein der Hamburger Strafrechtslehrer Professor Eberhard Schmidhäuser.

"Strafe ist sinnlos, wenn auch nicht zwecklos", proklamierte Schmidhäuser, Zu dieser Schlußfolgerung war er gekommen, nachdem er sich mit den gängigen Straftheorien auseinandergesetzt hatte. Das große "In-Frage-stellen" begann mit der "Gerechtigkeitstheorie"‚ also mit der These, es werde um der Gerechtigkeit willen gestraft. "Schon im Rahmen der Gesetze gibt die oft schematische, krasse Abgrenzung strafbarer Tatbestände gegenüber solchem Geschehen, das nicht als strafbar zu gelten hat, zu erheblichem Zweifel an der erstrebten allgemeinen Gerechtigkeit Anlaß. Bei der Strafausteilung handelt es sich immer mehr oder weniger um ein großes Lotteriespiel." Man bestrafe doch nicht die Übertretung von Geschwindigkeitsgrenzen, um Gerechtigkeit auf Erden zu haben. Wie würden denn "sittliche Werte verwirklicht", wenn "um der Gerechtigkeit willen", eine Frau wegen Abtreibung bestraft werde, während jeder wisse, daß zur gleichen Zeit hundert Frauen unbestraft – weil nicht entdeckt – das Gleiche tun? Schmidhäuser: "In Wirklichkeit triumphiert die Ungerechtigkeit."

Die "Sühnetheorie" versucht, die Strafe von der Versöhnung her zu begreifen, von der Versöhnung des Gefangenen mit sich selbst, mit der Gesellschaft und mit Gott. Auch dieser Vorstellung konnte Schmidhäuser nichts abgewinnen. Hier sieht er vielmehr noch dazu die "Gefahr eines pastoralen Beigeschmacks". Der Richter werde als Anhänger dieser Theorie leicht in selbstgefälliger Haltung dem Delinquenten gegenüberstehen und über ihn die Strafe verhängen, im Bewußtsein, ihn dadurch mit der Gesellschaft auszusöhnen. "In Wirklichkeit aber erfolgt ja erst durch die öffentliche Bestrafung der Ausstoß aus der Gesellschaft und keineswegs im gleichen Akt die Versöhnung mit ihr."

Bei der weiteren kritischen Prüfung fand auch die "Spezialprävention" keine Gnade; danach wird bestraft, um dem einzelnen Täter zur Besserung zu verhelfen. Sie beruht auf der Vorstellung, daß tatsächlich um der persönlichen Besserung des einzelnen Straffälligen willen bestraft wird. Schmidhäuser meinte, die Spezialprävention sei unbrauchbar, weil sie die Begriffe von Dürfen und Nichtdürfen verwirre. Das Ergebnis seiner Überlegungen war: "Offenbar bleibt als einzig mögliche Straftheorie mit notwendiger Konsequenz die der Generalpräveniton, also die Strafe zur Abschreckung der Allgemeinheit." Diese fordere, um wirksam zu werden, nicht immer härtere Strafen, sondern gerecht erlebte Strafen. Werde diese Sicht der Strafe als notwendige Konsequenz anerkannt, so müsse sich die Gesellschaft allerdings gleichzeitig damit abfinden, daß hier "Menschen zu Mitteln von Zwecken" gemacht werden. Den Betroffenen werde von der Gesellschaft ein Opfer auferlegt.

Nur durch solche Ehrlichkeit und Offenheit, so versicherte Schmidhäuser seinem Auditorium, könne man wieder glaubwürdig werden. Auf dem Boden des Bekenntnisses der Trostlosigkeit der Strafe und zur Ungerechtigkeit in der Welt werde es sich am ehesten ergeben, daß der Gefangene auch persönlichen Gewinn aus seiner Strafe zieht.

Ihm müsse ohne Umschweife gesagt werden: "Du hast Pech gehabt; gewiß, andere stehlen und betrügen auch, aber dich hat es nun einmal erwischt." Doch die Richter und Staatsanwälte, die Gefängnisdirektoren und Bewährungshelfer konnten sich zum Abschied von den absoluten Theorien von der "Gerechtigkeit" und von der "Sühne" nicht entschließen. Sie entzogen sich Schmidhäusers "Entschlackungskur": Das Unrechtsbewußtsein werde abgeschwächt, wenn man derartige Gespräche in der Zelle führen würde. Da werde jede Umkehr vergeblich und der Strafvollzug sinnlos. Das Wesen der Strafe lasse sich überhaupt nicht rational erfassen.

Dem Appell Schmidhäusers zur "nüchternen Bestandsaufnahme" folgte man nur, wenn man den festen Boden der Realitäten unter den Füßen hatte. So war man sich ohne jede Einschränkung über die tiefe Kluft zwischen Wunschträumen und Praxis beim Strafvollzug einig. "Das Dilemma ist die Diskrepanz zwischen den Forderungen der gesetzlichen Bestimmungen und den tatsächlichen Möglichkeiten", beklagte sich der Braunschweiger Generalstaatsanwalt Mützelburg. Es war das alte Lied, das immer wieder zu hören ist, wenn leidgeprüfte Justizbeamte zusammenkommen: Hoffnungslos überfüllte Strafanstalten, mittelalterliche Ausstattung und viel zu wenig Fachpersonal. Dazu hinter Gittern eine "Belegschaft", die das Bemühen, den Strafvollzug auch "in psychiatrischer Sicht" zu sehen, zu nützen weiß. "Das hat sich doch schon überall herumgesprochen: Wenn du einen Medizinalrat haben willst, mußt du als Kind aus dem Wagen gefallen sein", wußte der Leiter eines Jugendgefängnisses aus der Praxis. Ja, während der Diskussion konnte man manchmal den Eindruck gewinnen, die Mitarbeit des Psychiaters trage oft mehr zur Verwirrung der Gemüter als zur Lösung der Probleme bei.