Allmählich zerteilt sich das Gerede ein bißchen. Wer sagte uns doch, auf der Welle des sogenannten Neuen Romans würden aus Frankreich bloß noch Dinge angeschwemmt, Jalousien und anderes, dadurch entstehe eine menschenlose, nahezu unmenschliche Romanwelt? Und Alain Robbe-Grillet sei ihr Prophet.

Heute sieht alles schon ein bißchen anders aus. Robbe-Grillet ist nicht uninteressant, aber auch nicht so besonders wichtig. Sein vor kurzem in Paris erschienener Sammelband mit theoretischen Äußerungen ("Pour un nouveau roman") macht es evident. Aber auch bei ihm zeigt sich – nicht bloß in dem Drehbuch zum Film "Letztes Jahr in Marienbad" –, daß die Aspirationen dieses Neuen Romans gar nicht auf Darstellung einer isolierten Dingwelt abzielen, sondern umgekehrt auf eine neue Phase psychologischer Romanschreiberei in der Nachfolge Marcel Prousts. Die Tagebuchaufzeichnung Franz Kafkas: "Zum letzten Male Psychologie" scheint hier nicht zu gelten. Viel stärker, als man das in den Anfängen zu ahnen vermochte, steht auch der nouveau roman in den Überlieferungen französischer Romankunst.

Man denkt heute gar nicht mehr so stark an Robbe-Grillet, wenn davon die Rede ist. Die wahrhaft imponierende Gestalt dieser epischen Richtung aber – Michel Butor scheint ein Sonderfall zu sein – ist Nathalie Sarraute. Ihr neuer, höchst bemerkenswerter Roman "Les Fruits d’Or", im vergangenen Jahr erschienen, erlaubt jetzt bereits den Rückblick auf dasjenige, was hier an neuer Romankunst theoretisch gefordert und episch geleistet wurde.

Als ihr 1957 veröffentlichtes erstes Buch vor fünf Jahren in Deutschland erschien –

Nathalie Sarraute; "Tropismen", aus dem Französischen übertragen von Max Hölzer; Verlag Günther Neske, Pfullingen; 94 S., 8,50 DM

– mochte der Leser darin kaum etwas anderes entdecken als vierundzwanzig Innenaufnahmen seelischer Vorgänge. Freilich war dies kein innerer Monolog. Die Erzählerin hatte ihre Figuren, von denen weder Name noch Personalbeschreibung gegeben wurden, die aber trotzdem durch das Wort unzweifelhaft gefaßt worden waren, keineswegs sich selbst überlassen. Man befand sich im seelischen Innenraum, aber es wurde eine Bestandsaufnahme vorgenommen. Man erblickte die Außenwelt durch das Medium der Gestalten, aber die Sehweise der Figuren wurde auch – fast unmerkliche Wendungen der Erzählerin machten es spürbar – beurteilt, wenn nicht verurteilt.

Allein, das war bloß die Darstellungsweise. Sie stand bei der Verfasserin dieser "Tropismen" im Dienst eines beherrschenden Themas. Das freilich hatte zwar nichts mit einer abstrakten Dingwelt zu tun, aber mit Zuständen einer Verdinglichung von Menschen. Hier wurde, beispielsweise, ein Prozeß der fast physischen Besitznahme von künstlerischen Werten geschildert: "Man konnte die Kathedrale von Chartres nicht vor ihr verstecken. Sie wußte alles über sie. Sie hatte gelesen, was Péguy über sie dachte... Und eine große Zahl, die war wie sie, dürstende und gnadenlose Parasiten, Blutegel an den Aufsätzen, die erschienen, Schnecken, die überall klebten und ihren Schleim über Stellen von Rimbaud zogen, Mallarmé lutschten, sie einander weitergaben und den‚Ulysses‘ oder ‚Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘ mit dem Leim ihres niedrigen Begreifens bestrichen."