Selbst der Vorstand der Kreditanstalt für Wiederaufbau, Frankfurt, also immerhin die Leute in der Bundesrepublik, die am genauesten Bescheid wissen, können auf Anhieb nicht sagen, wieviel deutsche Entwicklungshilfe nun genau geleistet wird. Auf etwa 10 Millionen DM wird der Betrag geschätzt, den 1963 die deutsche Entwicklungsgesellschaft ausgeworfen hat; nicht in Geld quantifizierbar erwiesen sich die technischen Entwicklungshilfeleistungen der Bundesrepublik. Immerhin, so sagte der Vorstand für diesen Bereich, Dr. Wilfried Guth (ein Neffe Bundeskanzler Erhards), gehe der Löwenanteil der gesamten Entwicklungshilfe, das ist die gesamte Kapitalhilfe Westdeutschlands, über die KfW. Aber auch an Hand ihres umfangreichen Zahlenwerks läßt sich erst nach einigen Nebenrechnungen und Erläuterungen genaueres feststellen. Zum Beispiel: Was haben wir im vergangenen Jahr an Kapitalien tatsächlich gezahlt? Es sind 771,8 Millionen DM.

Der Trend gehe dahin, wie Guth sagte, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Das heißt, daß die KfW im Wettlauf mit den weit voraus geeilten Regierungsversprechungen an die Entwicklungsländer langsam aufholen dürfte. Addiert man alles das, was deutsche Minister mit mehr oder weniger leichter Hand an Kreditzusagen gaben und zieht man davon die gesamten Zusagen der Kreditanstalt ab dann bleibt eine Lücke von 2,5 Milliarden DM.

Ein weiteres Zahlenspiel: Summiert man – Stand Ende 1963 – die gesamten Zusagen der KfW mit 4,9 Milliarden und die gesamten Auszahlungen des Instituts mit 2,8, dann hinkt der Geldstrom hinter der Flut von Versprechungen um nicht weniger als 4,6 Milliarden nach. Mit einer Auszahlungsrate von künftig ebenfalls 700 bis 800 Millionen im Jahr will Dr. Guth in etwa zwei bis drei Jahren mit Bonn gleichziehen. Er glaubt nämlich, daß von jetzt an mehr Rücksicht auf den Bundeshaushalt genommen werden muß, so daß sich künftig reisende Minister nicht mehr so leicht in die Rolle von Aladin mit seiner Wunderlampe drängen lassen dürfen. Auf der anderen Seite werden die Auszahlungen deshalb steigen, weil die Kreditanstalt je nach Baufortschritt der Projekte bezahlt und künftig mehr Projekte als bisher nennenswerte Baufortschritte zeigen sollen.

Wie auch schon im vergangenen Jahr, so gab auch diesmal Dr. Guth einige herzerfrischende Sentenzen ins Stammbuch der Entwicklungsländer zum Besten. Er übte Kritik an der sogenannten Lückentheorie, die etwa besagt, die westlichen Industrieländer müßten für die auf fragwürdige Weise errechnete Lücke von 21 Milliarden Dollar im Jahre 1970 in den Zahlungsbilanzen der Entwicklungsländer geradestehen. Die Kreditanstalt, die einschließlich der sogenannten verbindlichen Reservierungen 4,0 (3,1) Milliarden neue Kreditzusagen gemacht hat (wenn auch nicht alles für Entwicklungshilfe), müsse nach wie vor darauf bestehen, daß die empfangenden Länder mehr Selbsthilfe treiben. Sonst werde die zweifellos nötige handels- und strukturpolitische Hilfe nicht die gewünschte Wirkung zeigen.

Auch das (von den Amerikanern hochgezüchtete) sogenannte Pipeline-Problem tat Dr. Guth als falsche Kritik ab. Kurz gesagt dreht es sich darum, daß die Amerikaner die hohe Differenz zwischen Zusagungen und Auszahlungen monieren (alles Geld steckt in der Pipeline; nichts kommt ’raus) sowie den bei uns glücklicherweise geringen Anteil der nicht projektgebundenen Kredite. Die Zusagen hierfür betrugen 1963 noch nicht ganz 290 Millionen gegenüber 1858 Millionen, die für bestimmte Vorhaben verwendet werden müssen. Jedoch werde auch mit den 290 Millionen nicht "das Clo tapeziert" wie es einmal scherzhaft formuliert wurde. Teile dieser Mittel Zweigniederlassungen im Lande errichtet wurden. Durch Fusionen und die Übernahme von Filialen anderer Kreditinstitute (darunter 16 Großbankstellen) konnte in den dreißiger Jahren das Geschäftsgebiet auf den ostfriesischen Raum und den Landkreis Osnabrück ausgeweitet werden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg faßte die Bank im Emsland Fuß.

Der Erfolg der stetigen Expansionspolitik blieb nicht aus: Trotz harter Konkurrenz durch die Odenburgische Landessparkasse und die Raiffeiseninstitute ist die Bank in Städten und Dörfern des industrieschwachen Agrargebietes eine "Bank für Jedermann" geworden, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Großbanken in diesem Wirtschaftsraum nur über wenige Niederlassungen verfügen.

So erreicht auch das Spargeschäft eine für Regionalbanken ungewöhnliche Bedeutung: Es erzielt bei einer Steigerung im Jahre 1963 um 18,2 Prozent auf 246,3 Millionen Mark einen werden nämlich für die Erschließung von Rohstoffbezugsquellen für die deutsche Wirtschaft verwendet. Unter die Arme gegriffen wird lediglich Argentinien und Chile mit zusammen etwa 62 Millionen DM.