Von Lutz Köllner

Helmut Lamprecht, Erfolg und Gesellschaft, Kritik des quantitativen Denkens; Rütten und Loenig Verlag, München 1964; 160 S., 9,80 DM.

Während Packard in seinem Buch "Die Pyramidenkletterer" (siehe unten) die Erfolgsrezepte für den Industriemanager preisgibt, beschäftigt sich Lamprecht in seiner soeben erschienenen Studie mit grundsätzlichen Problemen des Zusammenhanges zwischen persönlichem Erfolg und Gesellschaft. Dabei versteht er unter Gesellschaft nicht etwa nur diejenige Ordnung der westlichen Hemisphäre, die in ihrer Philosophie individuellen Leistungserfolg verlangt und (scheinbar) belohnt, sondern er meint die menschliche Gesellschaft schlechthin, wobei die realen Ordnungen in oft verdeckten Beziehungen zum tatsächlichen oder zum nur scheinbaren Erfolg stehen. Aber im Gegensatz zu Packard ist dieses Buch keine Sammlung von Erfolgsrezepten, keine akademisch verbrämte Lebenskunstlehre, keine Aufmunterung für die Mittelprächtigen, nur hinzusehen, wie es die anderen "machten", um ebenfalls die Stufen heraufzufallen. Lamprecht kritisiert vielmehr nicht nur unser Erfolgszeitalter, das "jede Menge" Chancen für jeden bereitzuhalten scheint, er kritisiert auch die unterirdischen Verbindungen zwischen Gesellschaft und Erfolgssuggestion.

Lamprecht attackiert mindestens vier soziale Erscheinungen, die einen bestimmten Zusammenhang zwischen Gesellschaft und persönlichem Erfolg behaupten wollen: Die Sozialwissenschaft, besonders die Statistik, die Sprache, die Literaten und die Verfasser von Erfolgsbüchern vom Stile Schellbach oder Broder Christiansen. Im Gegensatz zu Packard steht auch die herbe Sozialkritik dieses Autors, der sich nicht mit rein analytischen Schilderungen zufriedengibt, sondern der mit Werturteilen nicht zurückhält. Seine Kritik des quantitativen Denkens trifft besonders die Sozialwissenschaften, die heute landauf, landab von dem Ruf nach mehr Statistik erfüllt sind. Jeder aufmerksame Beobachter dieser Disziplin weiß freilich, daß der Höhepunkt des quantitativen Denkens, die Zeit der ständigen Pyrrhussiege der modernen Sozialempiriker mit ihrer ebenso unerschütterlichen wie leichtsinnigen Tatsachengläubigkeit schon überschritten ist. Freilich, auch die neue Welle der Sozialpsychologie, die die empirisch-quantitativ arbeitenden Sozialwissenschaftler nun zu überrollen beginnt, bedient sich bereits wieder besonderer Methoden der statistischen Quantifizierung.

Die Scheinwelt der Statistik ist oft genug karrikiert worden, nicht zuletzt von hervorragenden Vertretern dieses Faches selbst. Man erinnere sich an Wagemanns vielgelesenes Büchlein, den "Narrenspiegel der Statistik" mit seinen vielen grotesken Beispielen quantitativer Verzerrungen (ein Mann verzehrt zwei Schnitzel, ein anderer keins, im Durchschnitt also jeder eins usw.). Die Hybris der ökonometriker entlarvt Lamprecht durchaus treffend, auch zeigt er auf, wo geheime Quantifizierungen vorgenommen werden und sich zum Teil wissenschaftlich tarnen: bei den Bestsellerlisten, Verlagsusancen, wechselseitigen Lobpreisungen junger Literaten usw. Bei der Analyse sozialer Phänomene kann die Quantifizierung immer nur eine Hilfsfunktion sein, es tut gut, von Lamprecht mehrfach darauf hingewiesen zu werden.

Aber da ist noch eine andere Schicht, die einen geheimen Zusammenhang zwischen persönlicher Leistung und Gesellschaft herstellen kann und die ständig mißbraucht wird, teils wissentlich, teils unwissentlich. Neben der Übermacht der Statistik in der allgemeinen Sozialwissenschaft, in der Konjunkturdiagnostik und eben auch in der Intimsphäre (Kinsey-Report) gibt es nach Lamprecht noch eine inoffizielle Ideologie des Erfolges in unserem Zeitalter. Die These der kommerziell arbeitenden Lebenskünstler ("Mein Erfolgssystem", "Wie ich Erfolg hatte", und wie die anderen Nachahmer von Carnegies "How to win friends" auch immer heißen mögen) wären leichter zu entlarven, ihre verderbliche Nähe zu einem halbverstandenen Nietzsche ("Der Stärkere hat immer recht") wäre weniger gefährlich, wenn nicht mit der Sprache ständig Schindluder getrieben würde. Völlig zu Recht weist Lamprecht darauf hin, daß die These, daß Wissen Macht sei, ein wichtiger Schlüssel für eine Theorie der Halbbildung ist, die sich in unserer Zeit in keiner Person (eben auch mit Hilfe einer gedemütigten Sprache) deutlicher zeigte als in Adolf Hitler und seinem schnarrenden: Ich brauchte nichts dazuzulernen.

Während es sich bei den Bemerkungen Lamprechts etwa zur Fragwürdigkeit statistischer Erhebungen und über den Einfluß subjektiver Momente bei Tests um durchaus bekannte Argumente handelt, die das quantitative Denken diskriminieren, wurde der Einfluß der Sprache auf ein messendes Erfolgsdenken bisher nur von der philologischen Seite behandelt. Die Sozialwissenschaftler scheinen in der Tat zu sehr in den Dickichten ihrer Terminologien zu stecken, als daß von hier soziologisch so unsinnige, allein der rubrizierenden Welt der Statistik entlehnte Begriffspaare wie "Unternehmer" und "Nichtunternehmer" vom Tisch gefegt werden könnten. Die empirische Sozialforschung sollte sich den Anregungen, die schon Karl Kraus, vor wenigen Jahren Karl Korn (Sprache in der verwalteten Welt), die Verfasser des Wörterbuches des Unmenschen oder Walter Höllerers freilich nicht unproblematische Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" bieten, nicht entsagen. Die Gefahr, eine Gesellschaft und den einzelnen lediglich an den Zuwachsraten des Sozialproduktes zu messen, ist größer, als man denkt.