Wie die Blinden und Gelähmten unter uns leben: Eine Minderheit ohne Recht

Von H. Dietrich Klinghammer

Als vor gar nicht allzu langer Zeit von den Kindern berichtet wurde, die in den Jahren 1959 bis 1962 mit Mißbildungen verschiedener Art geboren worden waren, mangelte es nicht an Mitgefühl. Leser forderten in Briefen an ihre Zeitungen "jede erdenkliche Hilfe" von den staatlichen Stellen. In Belgien (und auch anderswo) wurde sogar die straffreie Tötung eines solchen Kindes von vielen gebilligt. Nur hier und da fanden sich unter den Zuschriften auch die Stimmen von Müttern, die solch spontane Hilfsbereitschaft wohl begrüßten, sich aber gleichzeitig darüber beklagten, daß sie mit der Sorge für ihr geistig behindertes, hirngeschädigtes oder taubstummes Kleinkind allein stünden. Ein Echo auf diese Klagen gab es – soweit ich es übersehen kann – nicht. Es waren sozusagen ja nur "gewöhnliche Fälle".

Nun sind hör- und sprachgeschädigte, spastisch gelähmte, blinde, hirngeschädigte, geistig behinderte und emotional gestörte Kinder in ihrer Entwicklung tatsächlich kaum weniger, nicht selten sogar noch stärker behindert als die "Contergan-Babys". Warum dann darauf kein Echo? Warum die erfreuliche, aber doch eben einseitige Anteilnahme und Hilfsbereitschaft?

Man kann versuchen, die fehlende Resonanz mit den Hinweisen zu erklären wie diesen: Es gebe ja Hilfs- oder Sonderschulen, es gebe auch Heime für schwachsinnige Kinder, es gebe Schulen für Blinde, Gehörlose, Taubstumme, und erst neulich sei zu lesen gewesen, in M. sei eine Spastiker-Tagesstätte und in O. ein Sprachheilheim eröffnet worden. "Für die wird doch schon etwas getan ..."

Angst und Zynismus

Der in Hamburg tagende, noch nicht abgeschlossene Euthanasieprozeß lenkt aber auch den Blick zurück in die Zeit des biologischen Materialismus, wo Adolf Hitler schon 1925 erklärt hatte: "In körperlichen Gebrechen liegt nicht selten der erste Grund zur persönlichen Feigheit", und klarer noch: "Wenn die Kraft zum Kampfe um die eigene Gesundheit nicht mehr vorhanden ist, endet das Recht zum Leben in dieser Welt des Kampfes". Ein Rassenhygieniker begründete 1933 die eugenische Maßnahme seiner Zeit mit der Formulierung: "Die Taubstummen, die Geistesschwachen und die Verbrecher haben auch ethische Pflichten gegenüber ihrem Volke" – ohne dabei nennenswerten Widerspruch zu finden. Und niemals wurde der (stets verstümmelt zitierte) Satz "mens sana in corpore sano" öfter zitiert als damals. Sollte diese Überbetonung des biologisch Gesunden wirklich spurlos an uns vorübergegangen sein?