FÜR Literaturfreunde, die diesen klassischen Roman aus dem alten China noch nicht kennen –

"Die Räuber vom Liang Schan Moor", aus dem Chinesischen übertragen von Franz Kuhn; Insel-Verlag, Frankfurt; 872 S., 28,– DM.

ES ENTHÄLT eine unveränderte Neuauflage der vergriffenen Insel-Ausgabe aus dem Jahre 1953, also die Bearbeitung des erst in den zwanziger Jahren von chinesischen Gelehrten ausgegrabenen vollständigen Textes durch Franz Kuhn und wieder die sechzig ganzseitigen Holzschnitte, die fast alle aus der Ausgabe von 1734 stammen, die im Besitz des Kölner Museums für ostasiatische Kunst ist.

ES GEFÄLLT als eine Abenteuergeschichte, der Entwurf einer Welt, in die man sich gern entführen läßt. Der aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende, dem lebenslustigen Junggesellen Schi Nai An zugeschriebene Text verknüpft eine Vielzahl gewalttätiger Episoden zum Panorama eines wilden Rebellen-Aufstandes gegen Thron und Reich. Der so ungebildete wie tollkühne Sung Kiang ist eine historische Figur. Der singende Pfeil, Gelber Wespenstachel, der Eiserne Mönch, der Große Luststern, Edelmann Tschai und ihre Freunde, sie sind alle erfunden, aber so gut, daß sie einen ehrwürdigen Platz im literarischen Helden-Arsenal für immer einnehmen. Dieses populärste der alten chinesischen Epen ist durch seine barschen Angriffe gegen Korruption und Mißwirtschaft der damals herrschenden Gelehrten- und Beamten-Hierarchie bestimmt einmal ein mutiges Buch gewesen; der Reichtum seiner Einfälle hat es lebendig erhalten bis auf einen Tag, an dem der Anlaß der Polemik längst vergessen ist. Mir scheint, daß Franz Kuhns Bearbeitung sich sehr glücklich zwischen ruppigem und zartem Ausdruck hindurchlaviert. Die wunderlichen Metaphern aus dieser wunderlichen Welt, die blumenreiche Aufschneiderei wie der noble Heldenton, haben auch in Deutschland noch einen Zauber, dem man sich nicht entziehen kann.

uwe