Vance Packard: "Die Pyramidenkletterer", Econ-Verlag, Düsseldorf–Wien 1963; 398 S., 19,80 DM.

Mit dem ihm eigenen Instinkt für erfolgreiche Sachbücher brachte der Econ-Verlag noch vor der "Nackten Gesellschaft" ein anderes Werk des amerikanischen Erfolgsautors Vance Packard heraus. Das Thema ist: Der Erfolg des einzelnen in der grauen Industriegesellschaft. Das, was bisher als unnachahmlich und höchst individuell galt, die Geheimnisse der Erfolgreichen, die alle Stufen des steilen Weges nach oben erklettern, das wird hier als rationales Rezept und als Analyse von erstaunlicher Eindringlichkeit und erschreckender Härte geboten: die Bedingungen für eine erfolgreiche Karriere des industriellen Managers.

Packard gehört zu denjenigen Erfolgsautoren, die in populärer Form soziale Analytik mit schärfsten Instrumenten betreiben und damit notwendig beim Leser ein Gefühl erzeugen, das demjenigen ähnelt, das der Held der antiken Tragödie einst auslösen sollte: Furcht und Mitleid. Und tatsächlich befällt uns eine deprimierende Furcht darüber, in welcher schrecklichen Gesellschaft des mitleidlosen Kampfes der amerikanische Industriemanager steht, und zugleich wächst in uns auch das Mitleid über seine aussichtslose Lage als Individuum, wenn er sich der Karriere in der Wirtschaftshierarchie verschrieben hat. Familie, Nachbarschaft, Ehe und Liebhabereien müssen in den Dienst des persönlichen Fortkommens gestellt werden, sinken zu Belastungen und Bremsklötzen des Aufstiegs herab. Wenn der Mensch nach Karl Marx schon gespalten und entpersönlicht ist und das Industriesystem ihn von sich selbst entfremdet, so soll das dann doch wenigstens auch recht erfolgreich geschehen.

Was Erfolg ist, wissen die Vermittler für Manager in Nordamerika sehr genau. Wer mit 35 Jahren noch nicht mehr als fünfzehntausend Dollar verdient, der soll getrost alle seine Hoffnungen fahren lassen. Er hat sich bereits in den Sackgassen auf dem Wege zum großen Lebenserfolg verlaufen. Er hat etwas verkehrt gemacht. Mag sein, daß seine Frau sich als Hemmschuh seiner Laufbahn erwies, daß er mit den falschen Leuten zusammen war, daß er es nicht verstand, im richtigen Augenblick gleichzeitig devot und dennoch bestimmt zu sein, daß er nicht einsah, daß Nein-Sagen eine ebenso große Kunst ist wie Ja-Sagen und daß es Positionen gibt, in denen man Jein sagen muß, um Erfolg zu haben. Er beherrscht nicht die Winkelzüge auf der schnellen Fahrt nach oben, ihm fehlt eine der von Packard genannten sieben Gaben, um in die Spitze der industriellen Führungskräfte vorzustoßen.

Jedermann weiß, daß viel Energie dazu gehört, um im Labyrinth der industriellen Führungskräfte Karriere zu machen. Aber nicht jedermann weiß, daß, wie Packard nebenbei erwähnt, es die Bedrückten und Verkrampften sind, denen weiterer Erfolg beschieden sein kann. Bei den reinen dynamischen Typen haben sich ja längst alle ihre Fähigkeiten offengelegt, sie sind durchschaubar, und die Grenzen ihres Erfolges sind weithin sichtbar, mögen sie auch weit gezogen sein. Aber der, der mit seiner bisherigen Entwicklung unzufrieden ist, in dem steckt noch etwas. Aus ihm ist noch etwas herauszuholen, und das kann man in den Vereinigten Staaten nur mit Hilfe der dort üblichen populären psychoanalytischen Verfahren. Mit Hilfe von ausgeklügelten, verschlüsselten Fragebogen und Tests (deren Bedeutung freilich in jüngster Zeit wieder zurückgeht) wird er von Maklerfirmen und Personalchefs nach oben gezerrt.

Für die Zukunft sieht Packard eine Entwicklung voraus vom entseelten Manager, wie ihn die Maklerbüros sich erzogen haben, zum neuen Spezialisten, dessen Verantwortung eingeschränkt ist und der aufs Neue in einem Team der Kompetenzen arbeiten wird. Damit ist zwar nicht die Marxsche Entfremdung aufgehoben, aber das System der Managerherrschaft wird wenigstens nicht noch weiter rationalisiert. Diese Aussicht kann die Unruhe nicht bannen, die die Lektüre dieses Buches auslöst, denn zu kraß ist der Widerspruch zwischen unserer schönen neuen Welt im Readers-Digest-Stil und der leblosen Monotonie erfolgreichen Managertums auch in der von Packard mit nur flüchtigen Strichen gezeichneten Zukunft.

Was eine Persönlichkeit ist, die auch im amerikanischen Industriegeschehen das höchste Glück dieser Erde sein soll, vermag auch Packard nicht zu sagen. Und wahrhaftig, mit Hilfe gefilterter und vielfach vereinfachter psychoanalytischer Verfahren und einer Vulgär-Betriebspsychologie kann man das auch nicht. Die wahre Hoffnung auf den in der Industrie verantwortlich Tätigen liegt außerhalb des Packardschen Buches. Der in materiellen Dingen ach so erfolgreiche Industriemanager, der in der sozialen Spannung zwischen der Institution des Privateigentums und der gesellschaftlichen Produktion wirken muß, erscheint uns nach Packards Buch in sozialpsychologischer Sicht so wenig ein elementarer Typ zu sein, wie etwa früher bei Burnham oder Sinclair Lewis. Die Babbits leben zwischen Ruhm und Lächerlichkeit. Wahrhaftig, eine kalte Welt.