Von W. Jessen

Die leichte Muse hat es schwer heutzutage. Man weiß eigentlich gar nicht, warum. Ist mit der wachsenden Freizeit nicht auch das Unterhaltungsbedürfnis ins Ungemessene gestiegen? An den Auflageziffern von Hör zu, Bravo und Lore-Romanen, an den Hörerzahlen der eurovisionsweiten Schlagerparaden, an der Popularität der Beatles, an den Goldenen Schallplatten für Freddy, am Kassenerfolg der "Cleopatra" ließe sich dieser Tatbestand unschwer nachweisen. Seit der Erfindung Hollywoods und, mehr noch, der Braunschen Röhre verbringt doch kaum jemand noch eine halbe Stunde, ohne sich per Bildschirm, Kofferradio, Krimi, Quiz und Show über sein Dasein im irdischen Jammertal hinwegtrösten zu lassen. Ganze Industriezweige haben sich auf der Tatsache aufgebaut, daß der Mensch nicht gern allein sei.

Wie kommt es, daß ausgerechnet in Zeiten solcher Hochkonjunktur die klassischen Unterhaltungsmedien langsam aber sicher abzusterben drohen? Schlägt irgendwo ein Zirkus sein Zelt auf, und trüge er einen noch so traditionsbeladenen Namen, man kann sicher sein, daß der Gerichtsvollzieher nicht weit ist und der örtliche Tierschutzverband früher oder später für die Fütterung der Raubtiere zuständig sein wird. Läßt sich mit vertrauten Walzer- oder Pußta-Klängen, wie unlängst im Berliner Titania-Palast, eine Operettentruppe nieder, man kann darauf wetten, bald im Lokalteil der morgendlichen Abonnementszeitung auf die Notiz zu stoßen, die Sänger hätten, aus Idealismus, auf fünfzehn Prozent ihrer Gagen verzichtet. Und wenn Eduard Duisberg, der letzte Ritter des Revue-Theaters, verkündet, die gute, alte "Scala" sei nahe daran, wiederzuerstehen, kann man sich an den fünf Fingern abzählen, daß damit der Ruf nach dem Fiskus erschallt.

Lang, lang ist es her, daß die Berliner "... und abends in die Scala" gingen. Tagtäglich sechstausend Zuschauer fanden sich in der Lutherstraße ein und sonntags neuntausend, da gab es drei Vorstellungen. Wobei man noch die Konkurrenz bedenken muß: Auch der "Wintergarten" in der Friedrichstraße breitete seinen bestirnten Himmel über das schaulustige Publikum aus, nicht gerechnet die Operetten-Revue-Theater wie Metropol (heute ein Wild-West-Kino) oder Admirals-Palast.

Diese Welt ist untergegangen, an einem Novembertag des Jahres 1943, im Bombenhagel – die "Scala" hatte gerade ihre Revue "Fantasia" auf dem Programm. Regie, Idee und Gesamtleitung: Eduard Duisberg. Seither versuchte Duisberg, nunmehr siebzigjährig, zunächst aus dem spanischen Exil das alte Haus und den alten Geist neu aufzubauen.

Aber sentimentale Anhänglichkeit ist die eine, die harte Welt der Realitäten eine andere Sache. Grock, als er, vor nunmehr auch schon wieder zehn Jahren, an jenem Trümmerberg stand, der einst die "Scala" war (Trude Hesterberg, beinewerfende Girltruppen, Fräulein Nummer, das Orchester unter Otto Stenzel, die drei Codonas, hepp-hepp, und so sind wir und so woll’n wir auch bleiben, Truxa, Schlag auf Schlag), da weinte er. Es gibt eine Presseaufnahme jener Szene, rührend und erinnerungsträchtig, denn sie war so schlecht nicht, die gute, alte Zeit mit ihren harmlosen Zerstreuungen.

Freilich, da gab es eine Rückerstattungskammer, die erst die Besitzverhältnisse prüfen wollte, ehe an einen Wiederaufbau zu denken war. Die "Scala" hatte Jules Marx gehört, der machte seine Ansprüche geltend, und "nach deren Überwindung waren die Baukosten ins Untragbare gestiegen", wie es in einer Verlautbarung heißt, die Eduard Duisberg soeben der Presse übergab.