Besuch in einer sächsischen Dorfschule und im Ostberliner Volksbildungsministerium

Von Rudolf Walter Leonhardt

Ort der Handlung: Beucha, ein Dorf bei Würzen, bei Grimma, im östlichen Norden Sachsens also, etwas abseits der Strecke von Leipzig nach Dresden.

Zeit: Montag, der 16. März 1964. Glasklar und eisig kalt.

Ein Schuldirektor empfing uns, der sich sehen lassen kann, überall. Er muß ja wohl auch einiges aus dieser Dorfschule gemacht haben, die doch gewiß nicht zufällig auf die Besichtigungsliste dreier westdeutscher Journalisten geraten war.

Natürlich sind wir immer voller Mißtrauen. Wie sollten wir frei sein von dem, was mehr als alles andere das Verhältnis zwischen den Deutschen in Ost und West bestimmt – wie eben das Verhältnis zwischen Ost und West überhaupt?

Wir können am Unterricht teilnehmen: "Bitte, wählen sie frei..." Man gibt uns den Stundenplan. Ich entscheide mich für Musik in einer sechsten Klasse. Wer sich tagelang durch die DDR hindurchdiskutiert, sehnt sich danach, einmal wenigstens eine Stunde lang ohne "Ideologie" bleiben zu dürfen. Hatte ich gedacht...