Oder: Welche Möglichkeiten hatte die Rechtswissenschaft unter der NS-Diktatur

In den letzten Monaten sind eine ganze Reihe von Professoren der Rechtswissenschaft wegen ihrer Veröffentlichung im Dritten Reich scharf attackiert worden, zumeist von Studenten. Der letzte in dieser Reihe der Attackierten ist der Marburger Strafrechtler Professor Ernst Schwinge (vgl. die ZEIT Nr. 9 und Nr. 15). Die Kritiker Schwinges stützen sich auf zwei Dokumentationen, auf Wolfgang Koppels: "Justiz im Zwielicht" und "Auszüge aus juristischen Texten", die von Eberhard Schön zusammengestellt wurden.

Die Auseinandersetzung um Professor Schwinge scheint uns in mancher Hinsicht von symptomatischer Bedeutung. Einmal zeigt sich daran – und hier liegt gewiß eine schwere Schuld der Juristen –, wie sehr das Ansehen der Rechtswissenschaft in den Jahren der Hitler-Diktatur gelitten hat. Zum andern aber wird daran auch deutlich, wie schwer es ist, einen objektiven Maßstab für wissenschaftliche Arbeiten zu finden, die unter einer Diktatur entstanden sind. Und es geht letztlich um die Frage, mit welchen Mitteln ein Wissenschaftler damals gegen das Vordringen der NS-Ideologie ankämpfen konnte.

Die Kunst, richtig zu zitieren

Wenn Studenten über solche Fragen unserer Vergangenheit Aufklärung erwarten, so ist das ein verständliches und berechtigtes Verlangen. Dieser Forschungsgegenstand fordert aber wie jeder andere, daß man sich dabei der auch sonst geltenden wissenschaftlichen Methoden bedient. Die Erfüllung dieser Anforderung wird erfahrungsgemäß erschwert, wenn die Diskussion in tagespolitische Auseinandersetzungen hineingezogen wird. Es besteht dann die Gefahr, daß man nicht mehr unbedingt nach der Wahrheit fragt und vom politischen Ziel her die Methoden des Kampfes bestimmt. Wer sich hiervon freihalten und der Wahrheit allein dienen will, muß es genau mit dem Zitieren, genau mit der Auslegung nehmen, wird das sachliche Anliegen des Verfassers zu untersuchen haben; dann kommt er auch nicht in den Verdacht, Schriften des Verfassers aus dem Kreis der Betrachtung ausgeschlossen zu haben, weil sie für sein voreiliges Urteil, sein Vorurteil nichts hergeben.

I.

Beginnen wir mit den Zitaten. In einer unbeachtet gebliebenen Dokumentation von Wolfgang Koppel, Justiz im Zwielicht (Selbstverlag Karlsruhe, o. J.), in dem überaus fleißig das öffentliche Wirken von über 1300 Richtern, Staatsanwälten und Hochschullehrern während des Naziregimes skizziert ist, heißt es (S. 133, Nr. 1115), Professor Schwinge habe 1944 einen Kommentar zum Militärstrafgesetzbuch (nebst Kriegssonderstrafrechts-Verordnung) – gemeint ist die 6. Auflage des Werkes – sofortige Urteilsvollstreckung bei den Frontgerichten ohne Überprüfung empfohlen. Das hat die Marburger Freie Studentenzeitschrift "5 vor 12" (Januar 1964, S. 6) ohne Nachprüfung übernommen, die ihr wohl zuzumuten war, wobei sich dann zunächst herausgestellt hätte, daß in Schwinges Kommentar davon nirgends die Rede war. Das war auch nicht zu erwarten, denn derartige Bestimmungen hätten ihren Platz in der Kriegsstrafverfahrensordnung gehabt (17. August 1938, RGBl. 1939 I 1457, 1482, 2132, 2264, 2267; 1940 I 787; 1942 I 441).