Wanderer, kommst du nach Amerika, vergiß nicht, dir vorher die Haare schneiden zu lassen. Denn von allen "Dienstleistungen" ist dies die teuerste. Sich von einem mittelgesprächigen Barbier halbwegs possierlich zurechtstutzen zu lassen, kostet zwischen New York und San Francisco sechs bis acht Mark.

Nicht, daß es keine billigeren Friseure gäbe; in Amerika ist schließlich alles auch billiger zu bekommen. Jede größere Stadt besitzt ein "Barber College", in dem Anwärter auf diesen profitablen Handwerker-Beruf für geringeres Entgelt ihre Kunst an Kundenköpfen versuchen: Der teuerste Stuhl (für etwa sechs Mark) ist dem Schaufenster am nächsten. Im zweiten Stuhl kostet ein Haarschnitt nur noch vier Mark, im dritten noch drei Mark, in den weiteren noch zwei Mark. Dort hinten in den Tiefen eines solchen "College" wird freilich auch schon die Beleuchtung schwächer.

Ich beging den Fehler des Anfängers, mir die üppige Fülle des Haupthaares in meinem Hotel, dem "Park Sheraton" an der Seventh Avenue, bändigen zu lassen. Als ich mich nach einer angenehmen Sitzung (wir plauderten über die anatomischen Vorzüge junger Damen hinter dem Eisernen Vorhang laut Darstellung in dem Magazin "Playboy") erhob, verlangte mein Friseur zwei Dollar fünfzig. Der Preis erschien mir übertrieben, aber der Mann wies mich darauf hin, daß ich in "demselben Stuhl" gesessen hatte, in dem vor "vier Jahren Supergangster Anastasia von der Konkurrenz durchlöchert" worden war. Alle Besucher der großen New Yorker Weltausstellung seien vor diesem Stuhl gewarnt. Mag die Stadt in diesen Wochen auch mit besonderer Inbrunst in die Zukunft blicken, sie hat ihren Sinn für Historisches nicht verloren.

Mir schien, in dieser Stadt wachsen die Haare irgendwie schneller als sonst. Glücklicherweise fand ich schließlich das Emporium des Mr. Frank Torre, das über eine Kellertreppe neben einem Hotel am Broadway bequem zu erreichen ist. Mr. Torre, ein sympathischer Oldtimer, arbeitet seit 1914 hier unten und er hat seine Einrichtung seitdem nicht um einen Salbentopf verändert. Auf einem Plüschsessel im Hintergrund thront mit herrischer Miene ein Konterfei der Queen Victoria, die andere Ecke des Salons wird von einem Kupferkessel beherrscht, in dem der Besitzer seine Gesichtstücher unter heißen Dampf setzt. All den neuartigen Maschinenplunder wie elektrische Haarschneidemaschinen hat der Meister gar nicht erst eingeführt; elektrisch ist bei ihm nur das Licht, das aus zwei schimmernden Kugellampen von der reich stukkatierten Decke fällt. Und das Telephon aus Kopenhagen ist Baujahr 1906. "Es hat mich einige Überredung gekostet, bis es mir die Boys von Bell angeschlossen haben", erzählte der Ladeninhaber, "aber ich habe bis heute keine Panne damit gehabt."

Nur das vertraute Klappern von Kamm und Schere belebt die friedliche Stille unter dem brausenden Broadway. Seit vier Jahren wirkt am zweiten Stuhl Mary Kapsulis, die lange Zeit ihr Brot als Privatdetektivin verdiente. Mary hat sich hier unten angewöhnt, nur noch indische Sarongs zu tragen, was die exotische Atmosphäre dieser plüschenen Oase aus Großvaters Tagen noch intensiviert. Die Preise für Bartstutzen und für das Ausrasieren des Nackens sind hier seit 1914 stabil geblieben. Der Haarschnitt kostet inzwischen 1,70 Dollar. Und für eine Rasur aus dem Seifennapf des Boxweltmeisters aller Klassen, Joe L. Sullivan, wird keinerlei Aufpreis verlangt.

Die Illusion ist vollkommen. Bis auf einen kleinen Zettel an der Tür, auf den Mr. Torre mit steifen Buchstaben schrieb: "Sorry, no Beatles cut". hk