Cassella war ein Edelstein der alten IG-Farbenindustrie. Heute gehört es den drei großen Nachfolgern. Jeder von ihnen besitzt mehr als 25 Prozent der Anteile. Es kann deshalb keiner von ihnen mit dem Schmuckstück zum Ball gehen, die anderen lassen es nicht zu. So wird es von ihnen gemeinsam gepflegt und gehütet; zur Geltung kommt es dabei nicht. Betrachtet man sich die Bilanzen über die Jahre hin, sieht man, daß das Anlagevermögen Schritt für Schritt bis auf heute 63,5 Millionen DM angewachsen ist. Die Bilanzsumme hat sich ebenfalls Jahr für Jahr erweitert. Unverändert blieben die eigenen Mittel.

An den Kapitalmarkt kam Cassella nicht heran. Sie konnte daher die stürmische Expansion der chemischen Industrie nicht mitmachen, mußte sich vielmehr darauf beschränken, die Anlagen zu modernisieren und zu rationalisieren. So heißt es im Geschäftsbericht 1963, daß die teilweise Umstellung der Energieversorgungsbetriebe auf Öl erhebliche Investitionen erforderlich gemacht habe. Die Anpassung an den modernen Stand der Technik kostet Geld, mehr jedenfalls, als die Abschreibungen bringen. Das liegt in der Logik einer immer kapitalintensiver werdenden Industrie.

Bisher konnte sich Cassella helfen. Bei der IG-Entflechtung war das Unternehmen reichlich mit liquiden Mitteln ausgerüstet worden. Auch heute noch sind die flüssigen Mittel mit 6 Millionen DM beachtlich. Erstmals aber stehen ihnen in der Bilanz Bankverbindlichkeiten gegenüber. Sie sind mit 3,9 Millionen DM recht hoch. Die aufgesparte Liquidität schmilzt im Lauf der Jahre weg. Es wird der Augenblick kommen, zu dem es notwendig wird, Cassella neue Mittel zuzuführen. Dann genügt es nicht mehr, das Schmuckstück zu pflegen und zu hüten, man wird ihm dann wieder eine adäquate Stelle in der chemischen Industrie zuweisen müssen. W. R.