Der Aufschwung des chinesischen Sports ist so atemberaubend, daß selbst das amerikanische Tempo dagegen verblaßt. Nur ein Beweis: Bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles vermochte das 400-Millionen-Volk im Osten nur einen Aktiven zu entsenden: den Sprinter Liu Chang-chun. Heute, rund 30 Jahre später, fuhren allein 253 Teilnehmer aus 14 verschiedenen Leistungs-Disziplinen zu den GANEFO-Spielen nach Djakarta. Die politischen Wortführer im Lande Maos versuchen bei allen passenden Gelegenheiten, diesen Aufschwung mit den ihnen eigenen Ideologien zu begründen. Der Grund für die starke Popularisierung des sportlichen Gedankens und seiner praktischen Betätigung liegt jedoch tiefer: Deutsche Sportler und spätere Trainer gaben den "Startschuß": der frühere Mittelstreckler Herbert Böcher sowie der Alleskönner der dreißiger Jahre, Dr. Otto Peltzer.

Böcher, zusammen mit Peltzer Teilnehmer am 1500-m-Weltrekordlauf gegen Paavo Nurmi und Edwin Wide am Fuße des Berliner Funkturms im Jahre 1926, blieb in China, als Deutschlands Leichtathletik-Nationalmannschaft 1929 nach beschwerlicher Eisenbahnfahrt durch Sibirien in Tokio gestartet war. Und Dr. Peltzer nahm ein Trainerangebot an, als seine Reformbestrebungen nach dem letzten Kriege im Jahre 1945 in der eigenen Heimat ignoriert und ihm vor seiner Tätigkeit in Indien eine verlockende Sportlehrer-Offerte aus Peking unterbreitet wurde.

Wer die sportlichen Einrichtungen im Osten aus eigener Wahrnehmung zu beobachten vermochte, kommt aus dem Staunen einfach nicht heraus: Eine Sportakademie, die Böcher und Peltzer schon vor Jahren als unumgänglich proklamierten, haben die überall anzutreffenden Sporttalente so gefördert, daß Rekord-Leistungen am laufenden Band zu erwarten waren. Diese Erwartungen wurden sogar bei weitem übertroffen. Die Sportakademie in Peking ist auf einem Areal von 600 000 qm errichtet. In acht Sporthallen, die nur durch Bastmatten voneinander getrennt sind, in 22 Laboratorien und Lehranstalten, vor allem aber auf insgesamt 66 (!) Arenen unter freiem Himmel wird den sportlich aufgeschlossenen jungen Chinesen alles das vermittelt, was zum modernen Sportbetrieb gehört.

In den letzten Jahren wurde besonders das Basketballspiel, Gewichtheben, Tennis, Schießen und nicht zuletzt Fußball auf dem Lehrplan forciert. In diesem Frühjahr wird sogar eine eigene, allen Ansprüchen genügende Motorrad-Rennbahn errichtet werden. Und im kommenden Winter wird auch eine Eisbahn ihrer Bestimmung übergeben. Im Augenblick studieren 1600 Schüler im Sportinstitut.

In den Jahren 1919 bis 1949 bestanden rund 400 Sportler ihr Examen. Von 1949 ab bis heute sind es nicht weniger als 2867. Chef des nach Böchers und Peltzers Fachideen errichteten Instituts ist Sund Chunfu, der 1932 im amerikanischen Los Angeles den chinesischen Ein-Mann-Starter Liu Chang-chun betreute.

Das Institut ist in zwei Hauptabteilungen gegliedert: ein physisches Departement sowie ein Ressort, das in fünf Sparten zerfällt: Leichtathletik, Gymnastik, Schwimmen, Ballspiele und Tischtennis. Der Studienplan umfaßt Physiologie, Anatomie, Pädagogik, Psychologie, Technik, Hygiene und – man lese und staune – ausländische Sprachen! Die Ausbildung ist auf vier bis fünf Jahre befristet. Talente haben dann die Möglichkeit, durch ein weiteres drei Jahre umfassendes Spezialausbildungsprogramm den Posten eines Trainers übernehmen zu können. Wenn nach Auffassung der Instituts-Verantwortlichen nach Abschluß einer gründlichen Prüfung alle Voraussetzungen zur Übernahme eines Sportlehreramtes gegeben sind. Der Weltmeister im Tischtennis, Shuang Tse-tung, hat zwei Jahre am Pekinger Institut studiert, der Rekordhalter im Hochsprung, Cheng Feng-jung, wird schon im sechsten Dezennium als einer der ihren registriert. (Für ihn wurde eigens eine Spezialsprungapparatur installiert, der jetzt auch in Übersee große Bedeutung beigemessen wird.)

Die Sportler, denen kein Besuch des Instituts ermöglicht werden kann, haben die Möglichkeit, sich dennoch durch Fachkräfte beraten zu lassen: Über 2000 Lehrer unterrichten an anderen Schulen durch ein gut organisiertes Korrespondenz-System. Mit ihm wurde 1960 begonnen. Und mit einem Erfolg, der anfänglich nicht erwartet zu werden vermochte. Obwohl die Studiumsarbeit im Institut (zeitlich und körperlich) den ganzen Mann erfordert, gehen die Eleven aber dennoch einer anderen Tätigkeit in einer Fabrik, kommunalen Einrichtung und einer Fortbildungsschule nach.