H. W., Kiel

In den ersten Tagen dieses Monats packte die dritte Große Strafkammer des Kieler Landgerichts ihre Koffer und ging auf Reisen. Etwa drei Monate lang werden die Kieler Richter zusammen mit den Verteidigern und den Angeklagten kreuz und quer durch Deutschland fahren; Etwa! 300 Zeugen will die Kammer vernehmen, meist alte oder gebrechliche Menschen, denen man die weite Reise nach Kiel nicht zumuten konnte. Mit ihrem Wunsch, gesund zu werden, haben die Angeklagten ein gutes Geschäft gemacht.

Wer sehnt sich nicht nach Gesundheit, nach Kraft und Lebensfreude, wer hat keine Angst vor den Gebrechen des Alters, wer fürchtet nicht die Krankheit? Diese Hoffnung und Furcht nutzten die sieben Angeklagten weidlich aus. Es ist eine seltsame Gesellschaft, die sich da auf der Anklagebank zusammengefunden hat: Da ist der 31jährige Hauptangeklagte Günter Schmidt, aus Neumünster, "Missionar", Steinmetzgeselle, Vertreter und schließlich Inhaber einer Firma für Diätmittel und biologische Präparate, sein 37jähriger Bruder Siegfried, zu fünfzig Prozent kriegsbeschädigt, ohne Beruf, der Vater des Hauptangeklagten, von Beruf Gärtner, wegen Rückfallbetruges vorbestraft. Auch die anderen vier Mitangeklagten sind alles andere als Fachleute für biologische Präparate.

Eins allerdings konnten sie alle: sie konnten organisieren. Sie wußten, wie man einen schwungvollen Handel aufzieht. Sie wußten auch, wie man die Interessenten anzupacken hat, damit sie auch kaufen.

So ging die 1958 in Neumünster gegründete Firma, in der "hochwirksame biologische Präparate" hergestellt wurden, gar nicht schlecht. Der Schaden, den die Helfer den Kranken angerichtet haben, beläuft sich nach Meinung des Gerichts auf weit über eine Million Mark. Und das ist nur der finanzielle Schaden.

Überall in der Bundesrepublik hatten die Naturapostel aus Neumünster für eine naturgemäße Lebensweise und für ihre Erzeugnisse geworben. Sie warben für Yoga-Atmung. Sie stellten sich als Ernährungsfachleute vor. Sie gaben Zeitungsinserate auf, mit Werbeslogans wie "Dein Herz soll weiter schlagen" oder "Atmung bedeutet Leben".

Hauptangeklagter Günter Schmidt konnte sich im Kieler Gerichtssaal einen seiner Vorträge, der auf Tonband aufgenommen worden war, selber anhören. Darin versicherte er mit Pathos, Speisen oder Getränke, die zu kalt seien, seien ungesund, Salbeitee sei gesünder als Alkohol. Er stellte fest, daß die amerikanischen Kriminalfilme die Hauptursache für Mord, Totschlag und Sexualverbrechen seien. Das "menschliche Drama" aber sei der "menschliche Darm". Und er wußte weiter zu berichten, daß der Körper 34 schwere Gifte enthalte, von denen etliche schlimmer seien als Schlangengifte.