Wie kam es zur Panne bei dpa – Die Falschmeldung über Chruschtschow

Alles lag griffbereit. Vor sich hatte der Chef vom Dienst bei der Deutschen Presse-Agentur einen Zettel "Chruschtschow tot". Zu seiner Rechten einen Stempel: "BLITZ". Zu seiner Linken den Schacht zum Fernschreibraum. Er brauchte nur noch zu stempeln, den Schachtdeckel zu heben, die Meldung in den Schacht zu geben...

Chruschtschow sei plötzlich gestorben, hatte irgend jemand dem Westdeutschen Rundfunk geschrieben. Die Quelle war dubios. Scheinbar japanisch. Der Nachrichtenredakteur beim WDR fragte bei dpa an: "Wißt Ihr etwas?" "Nein, aber wir werden uns sofort bemühen!" Das ist überall so im Nachrichtenmetier: Es bedarf nur eines Anstoßes, und schon spielt der weltweite technische Apparat: Fernschreiben in alle Himmelsrichtungen, an alle Büros in den wichtigsten Hauptstädten der Welt. Die Rundfunkempfänger werden auf Lang- und Kurzwellen eingestellt. Die Männer in der Funkaufnahme horchen angespannter denn je auf die Sendungen der vielen kleinen Agenturen aus aller Welt, die in der Hamburger dpa-Zentrale empfangen werden.

Im Archiv greift man unterdessen ins Fach "Lebensläufe": Chruschtschow Lebenslauf kurz – Chruschtschow Lebenslauf (Serie in vier Teilen) – Chruschtschow-Porträt (von einem Ostexperten). Pietätlos? Ohne archivalische Notstandsvorsorge kann keine Redaktion auskommen. Der Zeitungsleser findet wie selbstverständlich neben der Nachricht vom Tode eines bedeutenden Mannes zugleich den Lebenslauf; er erwartet sogar, daß ihm die Daten mitgeliefert werden. Woher sollten sie in der Eile so schnell kommen, wenn nicht aus dem Archiv, der stillen Insel einer Nachrichtenagentur. Nur höchst selten geschieht ein Mißgriff, so damals, als ein Rundfunksender in Südostasien zur Wiederwahl Churchills einen Nachruf sendete. Der Redakteur hatte sich im Band vergriffen: Nekrolog statt Kommentar.

Man darf sicher sein, daß an jenem Abend des 13. April 1964 in jeder größeren Nachrichtenagentur, die von dem Todesgerücht erfuhr, ähnliche Vorbereitungen anliefen oder zumindest erwogen wurden. Mag sein, daß man in den Zentralen der alten Agenturen gelassener reagierte als in Hamburg bei der erst fünfzehnjährigen dpa. Doch wer wird je erfahren, welch ein Schreck den diensttuenden Redakteuren der anderen Agenturen in alle Glieder gefahren ist, als dpa den Tod Chruschtschows in die Welt funkte? Nicht etwa ein Erschrecken über das Ereignis, sondern über den Vorsprung des Konkurrenten!

Nicht von ungefähr spricht man vom "Nachrichtengeschäft". Hier gelten fast noch härtere Gesetze als auf anderen Warenmärkten. Kein Markt ist weitumgreifenden und schneller als der des Nachrichtenverkäufers. Die alles beherrschende Frage lautet: Wer wird mit dem großen Schlager, mit der neuesten Neuigkeit als erster auf dem Markt sein? Die junge dpa muß sich dabei mehr anstrengen als die hundertjährigen nationalen Weltagenturen, an denen dpa gemessen wird: die britische Agentur Reuter, das große Vorbild, die weltumspannende Associated Press, die rasante United Press International, die traditionsreiche Agence France Press.

Wer ist schneller?