Von Hubert Fichte

Es ist schwer, das außergewöhnliche Werk Alvar Aaltos auf eine Formel zu bringen. Die vielen tausend Besucher, die im Laufe eines Jahres sein Atelier in Helsinki heimsuchen, die sogar in die Einsamkeit des mittelfinnischen Muuratsalo vorstoßen, kennzeichnen nur auf eine sehr äußerliche Weise die Bedeutung des zur Mode gewordenen Mannes. Anfeindungen, denen er in der jüngeren Architektengeneration Finnlands begegnet, tragen kaum wesentliche Kriterien zum Verständnis seines Lebenswerkes bei; hier mag ein Generationsproblem ausgetragen werden, oder es vollzieht sich nur die zeitgegebene Verschiebung vom Revolutionär zum Klassiker; auch seine Feinde erkennen schließlich an, daß, in Finnland wenigstens, keine besseren Lampen entworfen worden sind als die bei der Firma Artek erhältlichen, für deren Serienproduktion Aalto die Entwürfe liefert. Ein großzügig ausgestattetes und teures Werk

"Alvar Aalto – Gesamtwerk 1922–1962"; Karl Krämer Verlag, Stuttgart / Editions Girsberger, Zürich; 272 S., 600 Abb. und Pläne, 65,– DM

faßt die Bauten und Entwürfe Aaltos zusammen. Einige wenige Mängel der Übersetzung, ein paar fehlende Informationen und die im Unklaren gehaltene Verfasserschaft sind kleinliche Einwände, die eine nächste Auflage sicher entkräftet. Die Ausstattung, das Bildmaterial – ganzseitige Aufnahmen, die exakt die Bauwerke abbilden und nur selten jener Heroisierung erliegen, welche moderne Architekturaufnahmen so oft verzeichnet – Grundrisse, Situationspläne, Schnitte, ein knapper Informationstext, der nur gelegentlich Grundsätzliches emotional wiedergibt (hier spricht Aalto selbst, so scheint es) vermitteln einen genauen Überblick über eine Entwicklung, die sich am Rande und einzeln vollzog.

Provinzialismus und Weltgeltung, technisches Raffinement und Menschenfreundlichkeit sind einige der Charakteristika dieses architektonischen Werkes. Auf der einen Seite die Liebe zum Holz der nordischen Wälder, zu kristallartigen Formen, zu den finnischen Felsen – zum anderen eine bis nach Amerika wirkende Lebhaftigkeit, eine krampflose Rückbeschränkung auf das Maß des Menschen, gepaart mit dem Sinn für das Praktische, mit großer Aufgeschlossenheit für die Probleme der modernen Form im allgemeinen, für Plastik und Malerei.

Die Jugendwerke – Arbeiten in Gemeinschaft mit anderen Architekten – stehen der Dokumentation voran. Das Redaktionsgebäude der Zeitung in Turku wird in allen Details wiedergegeben. Hier verwendet Aalto zum erstenmal jene runden Oberlichter, deren besondere Konstruktion in seinem letzten Bau wiederkehrt. Das Verschalungsholz für den Betonbau ist in Finnland billig. Aalto nützt diese Tatsache, um seine Pfeiler asymmetrisch und pilzförmig zu gestalten.

Eine einprägsame Luftaufnahme des Tuberkulosesanatoriums von Paimio trägt viel zum Verständnis der Grundrisse Alvar Aaltos bei. Die Asymmetrie ist für ihn kein Spiel mit esoterischen Modernismen, vielmehr ergibt sich die Form der Anlage auf Grund der Umgebung, der Höhenunterschiede, des Straßennetzes, der Bewaldung und der Wasserläufe. Vielleicht erklärt die besondere Sicherheit und Sensibilität, mit der Aalto sich bei seinen Planungen von den Naturgegebenheiten anregen läßt, das Wohlbefinden der Bewohner seiner Bauten.