In Berlin in diesen Tagen (Kennwort: "Durchreise") gab es kaum einen Hotelier, der ein freudiges Ereignis nicht mit kummervoller Miene und Leid in der Stimme bekanntgab, nämlich, daß er fürs erste ausverkauft sei. Einen traf ich sogar, der sein Glück offenbar gefeiert hatte und vom Erfolg berauscht flüsterte: "Ehrlich, mein Herr, ich freue mich außerordentlich, Ihnen kein Zimmer mehr bieten zu können. Ich bin besetzt, und das für Wochen. Restlos." So geriet ich in eine Pension: hübsch alt, drei Meter fünfzig hohe Zimmerschläuche, das knarrende Bett auf knarrenden Dielen und Gäste um mich herum, die "in Textilien" dachten, Winterfarben sahen, sich über Konfektionsumsätze unterhielten, über Größen, Neuigkeiten und so weiter. Was gibt’s Neues für Herbst und Winter? Ein bißchen Verlegenheit: Tja, was gibt’s eigentlich Neues?

Am Frühstückstisch hatte ein Zimmernachbar zwischen Orangensaft und weichem Ei in der "Textil-Zeitung" geblättert. Wollen Sie mal ’reinsehen? "Optimismus für Berliner Chic – Anzahl der Berlin-Aussteller gleichgeblieben." Gleich neben dem Artikel trübte Heinz Mohr die noch ungetrübte Hoffnung. Mohr, Vorsitzender des Berliner DOB-(Damen-Ober-Bekleidungs-) Verbandes, beklagte da die Unvernunft der Einzelhändler: Sie wollten "immer noch bessere Verarbeitung und Ausstattung zu gleichen oder eher niedrigeren Preisen."

Und: dieselben Einkäufer fürchten allzu große Auswahl und wünschen trotzdem "Rechte auf Alleinverkauf". Und: dieselben Leute begehren aufregend modische Sachen, aber natürlich von jener Art, die "ohne besondere Verkaufsprobleme" an die Frau, die das tragen soll, zu bringen sei. Als ob das so einfach sei...

Zum Beipsiel das mit den Größen. Was der Berliner "Kurier" gerade vergnügt als "freudige Überraschung" für die Damen im Herbst meldete, ist beileibe noch nicht gewiß, denn, so klagen die Fachleute: "Das Beharrungsvermögen ist größer, als die Optimisten glaubten. Bis zur Durchsetzung des neuen Größenschemas ist ein langer und mühevoller Weg zurückzulegen."

Neues Größenschema? Wo die Hohensteiner Puppen zu finden sind, sind unlängst die Hohensteiner Maße erarbeitet worden. Mehr als achttausend Frauen sind vermessen worden; man hat herausgefunden, daß die bisher übliche Maßeinteilung bei weitem nicht mehr genügt und daß sich die weiblichen Proportionen überhaupt verändert haben. Die nunmehr "änderungsarmen" Größen sind in neun Gruppen gefaßt: kurze, mittlere, lange Größen für jeweils schmale, normale, überweite Hüften. Multipliziert man diese Gruppen mit den einzelnen (bisher noch allein üblichen) Größen, dann müßte ein Konfektionär, der alle Frauen gleichermaßen gut bedienen will, jedes Kleid und jeden Rock in insgesamt etwa 72 verschiedenen Maßen auf Vorrat

Lang ist Trumpf: das Kleid für lange Winternächte. Hier: eine Creation aus Rom Aufn.: AP

haben. Wer hat soviel billigen Lagerraum? Den Protesten wird allgemein mit dem Hinweis begegnet, der Einzelhändler müsse sich eben auf bestimmte Größengruppen spezialisieren. Schließlich: leben wir nicht im Zeitalter der Spezialisten?