Unser Kritiker sah:

von Bertolt Brecht Schauspielhaus Bochum

Seit Mitte März wird in Bochum mit spür- barem Erfolg das Stück gespielt, von dem Brecht 1953, zwölf Jahre nach der Niederschrift, gesagt hat: "Der ‚Ui‘ist ein Parabelstück." Helmut Käutner hat den "Ui" jetzt als Zirkusstück inszeniert. Diese szenische Idee ist gar nicht so abwegig. Von der "großen historischen Gangsterschau" ist schon im Prolog die Rede. Ähnlich wie das Berliner Ensemble läßt Käutner die historischen Figuren aus dem Panoptikum hervortreten. Dann führt er sie aber, weitgehend maskenidentisch mit Hitler, Hindenburg, Goebbels und den übrigen, auf kreisender Drehscheibe nicht dialektisch-kritisch im Stile Brechtscher Verfremdung, sondern er differenziert und läßt das Ganze zu einem makabren Furioso anschwellen. Eine Regieleistung!

Hunderte von bunten, elektrischen Birnen säumen blinkend den Bühnenrahmen, an dem entlang als Leuchtschrift der Stücktitel über alle Szenen läuft. Die zeitgeschichtliche Bedeutung versuchte Käutner, der Bühnenbildner, durch Zeichen zu entschlüsseln: Schwarz-weiß-rot gerändert ist die Schräge, auf der die Karfiol-Trustherren tagen; ein Reichsadler hängt über Hindenburgs Landhaus Neudeck; Justitias Waage neigt während des Reichstagsbrandstifterprozesses ihr Pendel, ein Schwert, allmählich zu einer der beiden Schalen; nach der Heimholung Österreichs ins Reich vervollständigt sich Uis Fahne während seiner Rede an Europa (Amerika) zur Hakenkreuzfahne. Mit solchen Mitteln wird ersetzt, was in Brechts Text durch den stereotypen Satz gefordert wird: "Eine Schrift taucht auf."

Für sich selber spricht die schauspielerische Geschlossenheit der Bochumer Aufführung – eine Ensembleleistung par excellence. Als einzelner ragte Manfred Heidmann hervor. Seine Verwandlung vom Papst im "Stellvertreter" zu diesem Hitler ist erstaunlich. Obwohl er mit brandroter Perücke auftritt und aus dem Sprachduktus Hitlers nur einzelne, charakteristische Züge aufnimmt, gelingt Heidmann die volle Identifikation. Käutner läßt auch den Blankvers deutlich sprechen. Die "Doppelverfremdung" durch Nachahmung elisabethanischen Hoftheaters durchschaute der Regisseur jedoch als theoretische Fallgrube. Er mied sie. Statt dessen gab er kabarettistische Nachhilfen. Sie halfen sogar dem Stück.

Nach dieser dritten bemerkenswerten Inszenierung, die ich gesehen habe, bleibt die Behauptung Brechts, er habe mit dem "Ui" ein Parabelstück geschrieben, weiterhin fragwürdig. Die Amerikaner haben sich totgelacht über die angebliche Gangsterstory. Sie ist nicht tragfähig. Durch sich selber erhellt sie nichts. Das 1941 ungespielte Zeitstück verstehen zwei Jahrzehnte später spontan nur noch Mitwisser. Johannes Jacobi