... aber er hätte allen Grund dazu – Des Kassenarztes Ethos und Gesetz

Von Peter Mörser

Ebenso wortreich wie zwiespältig ist das Echo, welches der belgische Ärztestreik in Deutschland findet: Vom Hippokratischen Eid bis zum Ruf nach der Polizei reichen die Argumente, welche die schüchternen Stimmen kollegialer Solidarität übertönen: Der deutsche Arzt streikt nicht, wofern er und seine Organisationen nicht Gefahr laufen wollen, mit dem Attribut "sogenannte" bedacht zu werden. Und schon liegt der Ton nicht mehr nur auf "Arzt", sondern auch auf "deutsch": So, als sollten Sozial- und Nationalprestige wieder die ersehnte Ehe eingehen. Nationale Lethargie erwacht zum nationalen Manifest, und das Panier heißt: Ethos und Gesetz. Denn Ethos und Gesetz der Ärzte belasten den Fiskus nicht, noch den Steuerzahler, noch den Versicherungsnehmer. Auf Ethos und Gesetz aber beruft man sich allzumal dann, wenn die tätige Vernunft Schiffbruch erlitten hat. Das ist gut so, solange man nicht vergißt, daß diese Beschwörung eine ultima ratio ist, kein möglicher Dauerzustand.

Wie kommt es dahin? Und warum Ethos und Gesetz? Warum genügt nicht eines von beiden? Das Praktische Recht kennt den Punkt, von dem an ethisches Verhalten des Durchschnittsmenschen nicht mehr erwartet werden kann. Diesen Punkt gibt es auch für den Arzt, insofern er Mensch ist. Opfer kann verlangt werden – wobei die Motive derer, die es verlangen, täglich zur Diskussion stehen müssen –, aber kein Märtyrertum. Berufsethos bedeutet Verzicht auf möglichen Gewinn um des Nächsten willen, des Kranken also – aber nicht um der Institution willen, wer diese auch sei, sozial oder nicht. Denn jede soziale Institution ist ein eigengesetzliches Individuum, mit einem eigenen Selbsterhaltungs-Ethos. Deshalb doch lieber Gesetz. Das darauf gründende paradoxe System, in das der deutsche Kassenarzt eingespannt ist, funktioniert ja auch, vom Staat garantiert, in der Tat. Wie es funktioniert, das zu fragen, ist gegen das Interesse aller Betroffenen, denn vor allem anderen, vor Ethos und Gesetz, ist die Angst, es könnte noch schlimmer kommen.

In Belgien aber ist es schlimmer gekommen, und es hat sich gezeigt, daß der Staat nicht in der Lage ist, ein Ethos anders als auf dem Papier zu garantieren. Und sollte unser Staat je in die Lage kommen, diese Garantie wirklich zu leisten, so wird es eine sehr üble Lage sein.

Über einen Ausgangspunkt der Debatte darf Einigkeit vorausgesetzt werden: Keine Stimme ist laut geworden, die dem deutschen Arzt hätte unterstellen mögen, er habe keinen Grund zum Streik – eine nationale Einigkeit ersten Ranges also. Noch deutlicher gesagt: Es bleibt unbestritten, daß der deutsche Arzt dauernd in Versuchung ist zu streiken und daß ihn nichts als Ethos und Gesetz davor bewahren, dieser Versuchung zu erliegen – ein Anlaß ersten Ranges zu nationalem Stolz also. Dieser schöne Stolz soll uns einmal nicht die Frage verstellen: Was führt im einzelnen den deutschen Arzt dauernd in Versuchung, seinem Ethos zuwider zu handeln? Denn es steht geschrieben, daß niemand seinen Nächsten versuchen soll, noch seines Nächsten Weib, Kind, Haus, Hof, Arztpraxis und alles, was darinnen ist.

Die deutsche Arztpraxis zerfällt de facto in Privatpraxis und Kassenpraxis. Wer es sich leisten kann, gibt die Kassenpraxis auf. Naturgemäß sind es nicht die Schlechtesten, welche die meisten Privatpatienten haben. Dieser Entwicklung wird von den Kassen mit dem Argument Vorschub geleistet: "Es zwingt Sie ja niemand, eine Kassenpraxis zu führen." Wie aber, wenn mein soziales Gewissen mich zwänge? Der Vertrag mit der Kasse konfrontiert den Arzt mit dem Begriff der "Wirtschaftlichkeit". Für die Kasse zerfallen praktische Ärzte satzungsgemäß in rentable und unrentable. Die Gliederung von Patienten in rentable und unrentable seitens des Arztes ist hingegen wider das Ethos.