Von G. Schwarz

Der alte Streit, wo der Frühling in deutschen Landen nun eigentlich zuerst beginnt, ist noch nicht endgültig entschieden. Doch eines steht fest: Im Ringen um den begehrten Titel "wärmster Landstrich Deutschlands" kommt der Kaiserstuhl jedenfalls ins Finale.

Das gesegnete Weinländchen um den 557 m hohen Vulkanklotz, auf dem einst die deutschen Kaiser (laut Sage) zu Gericht gesessen haben sollen, wird vom Klima immerhin auf besondere Weise verwöhnt: warme Mittelmeerwinde dringen vom Rhônetal her durch die Burgundische Pforte und verfangen sich geradezu in den lehmigen Tälern und Schluchten der Gebirgsmassive zwischen Schwarzwald und Oberrhein.

Kein Wunder, daß unter den zahlreichen Weinorten, die um den Kaiserstuhl liegen, auch Deutschlands angeblich "wärmster Ort" zu finden ist: Ihringen. Während drüben hinter Freiburg noch reichlich Weiß auf den Schwarzwaldgipfeln herüberschimmert, kann man hierzulande Anfang April bei 36 Grad Sonnentemperatur hemdsärmelig in die Lößhänge zu den Weinterrassen hinaufsteigen, wo die Winzer bei der Frühjahrsarbeit sind. Das Reisig der beschnittenen Rebstöcke schwelt in vielen Feuern an den Hängen, der Dunst zieht in die Ebene und unter der sommerblauen Kuppel des oberrheinischen Himmels kreisen Bussarde.

Erwischt man einen glasklaren Apriltag (was, wie man weiß, fast unmöglich ist), so kann man, ganz im Süden rechts von Belchen und Blauen, noch hinter dem sich verlierenden Silberstreifen des Rheins die Silhouette der Schweizer Alpen erahnen. Ein ebenso majestätisches Panorama, wie es sich von den Kaiserstühler Weinbergen aus bietet, wird man so schnell nirgends nördlich der Alpen finden: tief verschneite Nordosthänge der Vogesen im Elsaß, frühlingsgrün das Rheintal und die Breisgauer Bucht, dahinter die Höhenzüge des Schwarzwaldes ...

Dem Frühlingssucher wird der Aufenthalt am Kaiserstuhl nicht ganz einfach gemacht: So vielversprechend die romantische Anreise mit der kleinen "Kaiserstuhlbahn" (von Riegel aus) oder per Auto über die "Badische Weinstraße" auch sein mag: es gibt wenig Quartiere ringsum. In den Ortschaften ist man mehr auf Durchgangstourismus eingestellt. Kongreßteilnehmer aus dem nahen Freiburg pflegen en passant in den Gasthöfen der Weinorte zu speisen und von den herrlichen Tropfen. zu kosten, um dann eilends wieder davonzubrausen. Einer regelrechten Touristenwoge jedoch (die Gott noch möglichst viele Jahre verhüten möge!) könnten die wenigen Gasthäuser kaum eine entsprechende Bettenzahl bieten. Noch schwieriger ist es mit Privatquartieren. Die überwiegend aus Weinbauern bestehende Bevölkerung züchtet hochwertigen Qualitätswein, wird dafür von den Genossenschaften gut bezahlt und ist daher aufs Vermieten kaum noch angewiesen. Jedoch, mit etwas Geduld und Glück wird meistens noch eine Unterkunft auch hier zu finden sein, bei freundlichen Menschen, die schon von der Frühlingssonne braun sind und für unerfahrene norddeutsche Ohren bereits eine Art "Schwyzerdütsch" sprechen, nämlich ein alemannisches Idiom.

In Ihringen existiert auch Deutschlands größte Winzergenossenschaft. In modern eingerichteten Weinkellern ohne romantische Atmosphäre wird hier das "Gold des Kaiserstuhls" gelagert. In den Gassen des Weinortes mit ihren alten Fachwerkhäusern fällt der Wohlstand der Winzer geradezu ins Auge: Frischverputzte Häuser, frisch gepflasterte Fahrwege, Pkw in den Tor-Einfahrten. Vor den Haustüren Kakteen und Oleander und Feigenbäumchen in Kübeln – Anfang April das Gelb der Forsythienblüte, danach das Rosa und Weiß der Obstbäume. Mit etwas Glück trifft der Besucher in dem einen oder anderen Hinterhof noch auf das Hämmern eines Küfers, der nach Vätersitte Fässer und Bottiche fertigt. Mit noch mehr Glück findet er irgendwo einen generösen Weingutbesitzer, der zu einer Führung durch seine Keller bereit ist und eine Weinprobe für den Gast ansetzt. Kenner werden manchen berühmten Namen auf den Etiketts entdecken, den "Ihringer Winklerberg Silvaner", den feurigen "Oberrotweiler Henkenberg Ruländer" oder "Sasbacher Rote". Alle gereift auf vulkanischem Boden ...