Sogar die Optimisten sind diesmal überrascht worden. Denn auch sie, die einer weiteren Entspannung zwischen Ost und West die besten Chancen gaben, hatten sich von diesem Jahr nicht mehr viel erhofft. Schon glaubte man, 1964 werde als eine Phase der Stagnation in die Geschichte eingehen. Das Warten auf die US-Wahlen schien, wo nicht die amerikanische Weltpolitik, so doch alle Entspannungs-Initiativen zu lähmen.

So gab es viel Verwunderung, als am Montagabend fast zur selben Minute die Regierungschefs der beiden großen Atommächte ihren Entschluß bekanntgaben, die Produktion spaltbaren Materials in Zukunft beträchtlich einzuschränken. Und sogleich tauchte die Frage auf, ob diese koordinierten Erklärungen von Johnson und Chruschtschow als ein zweiter Schritt auf jenem Wege gewertet werden dürfte, der im Juli des vergangenen Jahres mit dem Atomteststopp-Abkommen eingeschlagen worden war. Der Moskauer Vertrag hatte damals allen Atomwaffenversuchen – außer den unterirdischen – ein Ende gesetzt.

Im Sommer 1963 bestand kein Zweifel darüber, daß diese erste handgreifliche Vereinbarung zwischen Ost und West noch nicht den entscheidenden Durchbruch zur Entspannungspolitik darstellen könnte. Präsident Kennedy erklärte nach dem Abkommen: "Mit diesem Vertrag bricht nicht das goldene Zeitalter an. Er wird nicht alle Konflikte lösen, noch die Kommunisten zur Aufgabe ihrer Ambitionen veranlassen oder die Gefahren eines Krieges beseitigen. Er wird für uns nicht die Notwendigkeit verringern, Rüstungen zu unterhalten, Verbündete zu haben oder Hilfsprogramme für andere durchzuführen. Aber er stellt einen ersten wichtigen Schritt dar – einen Schritt in Richtung auf den Frieden, einen Schritt zur Vernunft, einen Schritt weg vom Krieg."

Und Kennedy fügte damals – vor einem Dreivierteljahr – hinzu: "Nichts könnte unserer Sache mehr schaden, als wenn wir und unsere Verbündeten glauben würden, daß der Friede bereits erreicht sei und daß es unserer Stärke und Einigkeit nicht mehr länger bedürfe." Für Kennedy bedeutete das Moskauer Abkommen vor allem eine Lockerung des Mißtrauens, das sich in 18 Jahren eines kalten Krieges aufgestaut hat. Ihm ging es vor allem darum, "die Schallmauer des Verdachts zu durchbrechen".

Nicht mit den Worten Kennedys, aber in seinem Sinne hat Johnson diesen zweiten Schritt – denn es ist ein zweiter Schritt – begründet. Was die Kennedysche Politik ausmachte, jene Bereitschaft, die militärische Stärke, ja, die militärische Überlegenheit zu bewahren und doch zugleich stets auf kleine, wohlkalkulierte Entspannungsschritte zu sinnen – eben das praktiziert nun (entgegen manchen Befürchtungen zu Beginn seiner Amtszeit) auch der Nachfolger im Weißen Haus.

Vom ersten Schritt war die Rede und vom zweiten. Da wäre zu sagen, daß damals im Juli 1963 für beide Seiten strategisch nicht viel auf dem Spiele stand. Durch das Atom-Teststopp-Abkommen wurde das militärische Gleichgewicht der beiden Giganten nicht verändert, das Arsenal der Vernichtungswaffen nicht reduziert, die unterirdische Erprobung taktischer Atomwaffen nicht unterbrochen. Es schlug – und dies vor allem in der psychologischen Wirkung –, nur ein Ergebnis zu Buch: Gebannt war jene Gefahr, der die Lebenden und die Ungeborenen durch den atomaren Fall-out ausgesetzt waren.

Diesmal ist das meßbare Resultat sehr viel dürftiger. Schon längst bestand für die Eingeweihten keine Frage mehr darüber, daß die USA und die UdSSR ihre Atomwaffenproduktion nicht ins Unendliche fortsetzen würden. Der "Sättigungsgrad", die Kapazität zum vielfachen "Übertod" war ohnehin bei beiden längst erreicht. So bedeuteten die jüngsten, aufeinander abgestimmten Beschlüsse Washingtons und Moskaus ganz gewiß keine Zugeständnisse. Hier wurde nur politisch sanktioniert, was für die Fachleute schon seit langem evident geworden ist: Bei der Produktion spaltbaren Materials gibt es so etwas wie die Spirale in die pure Sinnlosigkeit.