Das Schicksal, diese anonyme höhere Macht, erzwingt die Katastrophe und hat das letzte Wort. "Hier wird nicht etwa nach einer starr und eigensinnig durchgeführten Idee von Rache ein Bösewicht bestraft, nein, es geschieht eine ungeheure Tat, sie wälzt sich in ihren Folgen fort, reißt Unschuldige mit... Weder Irdischen noch Unterirdischen kann gelingen, was dem Schicksal allein vorbehalten ist. Die Gerichtsstunde kommt: Der Böse fällt mit dem Guten. Ein Geschlecht wird weggemäht und das andere sproßt auf."

Diese Umdeutung Hamlets in einen zur Tat unfähigen Träumer, für dessen Passivität nicht er selbst, sondern das Schicksal verantwortlich ist, erklärt, weshalb das Hamletfieber mit dem Wertherfieber zusammengehen konnte. Goethe schrieb diese Kapitel in dem entscheidenden Moment seines Lebens, wo er – als Zögling Charlottes von Stein – dem Titanismus seiner Jugend abschwor und sich zur frommen Unterwerfung unter das unerforschlich waltende Schicksal bekehrte.

Schicksal ist auch das Wort, das als aufdringliches Leitmotiv die "Theatralische Sendung" durchzieht. Mit ihm wird das Tragische als etwas Sekundäres von Hamlet abgestreift und seine Gestalt ins Romantische umgebogen.

Darauf hat es auch die Vereinfachung des Textes abgesehen, die Wilhelm Meister vorschlägt. Dieser Hamlet, der ratlos zwischen Freiheit und Unfreiheit schwankt und die Schuld an seinem Zaudern dem Schicksal zuschiebt, ist ein Selbstporträt des frühweimarischen Goethe. Er sah in ihm das Spiegelbild seines eigenen Wesens, des gebrochenen und verinnerlichten Titanismus, der seine bedeutsamsten Gestalten kennzeichnet.

Seit dem Weislingen im "Götz" blickt aus seinen Selbstdarstellungen – Faust, Clavigo, Egmont, Werther, Tasso – das Gesicht Hamlets hervor, wie er es sah. Schon Friedrich Hebbel stellte fest, der "Faust" müsse nicht aus Marlowe, sondern aus dem "Hamlet" abgeleitet werden.

Es ist ein Anklang an die "Hamlet"-Deutung im "Wilhelm Meister", wenn Faust den Eingang des Johannes-Evangeliums mit "Im Anfang war die Tat!" verdeutscht und damit seine ausweglose Verzweiflung verrät. In Faust sind die nihilistischen Stimmungen des "Hamlet" verdichtet, seine rasenden Ausbrüche wirken wie ein Echo von Hamlets Monologen.

Neben dem von Gier nach Leben und Handeln verzehrten, zum Meditieren verfluchten Faust steht die Gegenfigur Egmonts, der zweite dramatische Niederschlag von Goethes "Hamlet"-Lektüre. In diesem Genie des Nichthandeins schlägt der Schicksalsglaube vollends ins Untragische um. Egmont, der passive Götterliebling, weiß sich im Schutz einer höheren Macht geborgen und besteigt in diesem Vertrauen noch das Schafott. Dieses Stück wurde als Anti-Hamlet konzipiert, es gestaltet das Ideal der unheroischen Existenz, das Wilhelm Meister in den "Hamlet" hineinliest und mit den Worten umschreibt: "Es gefällt uns so wohl, es schmeichelt so sehr, wenn wir einen Helden sehen, der durch sich selbst handelt, der liebt und haßt, wie es ihm sein Herz gebietet, der unternimmt und ausführt, alle Hindernisse abwendet und zu einem großen Zwecke gelangt. Geschichtschreiber und Dichter möchten uns gern überreden, daß ein so stolzes Los dem Menschen fallen könne. Hier werden wir anders belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das Stück ist planvoll –"