Erlebt und nicht vergessen:

Von H. M. Nieter O’Leary

Kenia ist ein wunderbares Land, vielleicht das von der Natur am meisten bevorzugte Land Afrikas. Es hat Gebirge und Hochplateaus, die mit dem lieblichsten Klima Europas wetteifern können, Savannen, in denen ganze Zoologiebücher lebendig dargestellt sind, und tropische Küsten, wie sie sich nur das Fernweh vorstellen kann. Kenia gehört zu den ostafrikanischen Ländern, die unabhängig geworden sind, und wenn die Politiker dort weise sind, könnte es zu einem kleinen Paradiese werden. Leider sieht es, neuen Meldungen zufolge, nicht danach aus. Aber nicht davon will ich schreiben, sondern von einem kleinen Naturerlebnis. Und, das kam durch eine Krankheit, von der man auch in irdischen Paradiesen nicht verschont bleibt.

Während ich langsam genas, lebte ich bei einem Bekannten, Dave Evans, dem die Tierreservation Amboseli untersteht. Das Faszinierende dieses Tierparkes ist, daß man nie weiß, welche Tiere man bei der nächsten Baumgruppe gerade treffen wird. Es gibt alles, von großen Elefantenherden bis zu den Honigvögeln, die einem wie glitzernde Juwelen um die Nase fliegen. Aber für Afrikakenner ist das auch schon ein alter Hut, und die Elefanten und Giraffen erregen kein stärkeres Herzklopfen als Kühe auf einer Alm.

Aber mein aufregendes Erlebnis hatte ich mit einer Blume, genauer: mit einer Korallenblume. Man findet sie in keinem Buch über Botanik, denn es gibt sie nicht. Als ich sie sah – sie hat etwa die Größe einer Dahlie –, wunderte ich mich, wieso eine Blume an einem dürren Zweig blühen konnte. Dave brach ihn ab und reicht mir die korallenrote Blüte. Ich nahm sie; doch ich mußte wohl etwas hastig gewesen sein, denn die Blume löste sich plötzlich auf und flog als eine Insektenwolke um den Strauch. Dann jedoch kam Ordnung in die Bewegung des Sein rmes, und innerhalb einer halben Minute saß jeder der korallenfarbenen Käfer wieder an seinem Platz und bildete neuerlich eine Blume. Aber die Blüte hatte auch eine grüne Knospe. Als ich sie betrachtete, zählte ich an die zwanzig Käfer – von der gleichen Art zwar, aber eben grün.

Nun gibt es allerdings unter den Insekten viele, die sich tarnen, wie zum Beispiel die Stockheuschrecken, die dürren Zweigen ähneln, oder die Gottesanbeterinnen, die sich farblich Blüten und Blättern anpassen. Aber das Aufregende an den "Flattid Bugs" ist die Tatsache, daß sich diese Käferart nicht der in der Natur vorhandenen Vegetation anzupassen sucht (wie andere Tarninsekten), sondern eine Blüte erfunden haben.