Wanda Kampmann: Deutsche und Juden. Studien zur Geschichte des deutschen Judentums. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, 1963, 450 Seiten, 14,80 DM

Auf den ersten Blick glaubt man, einen Abriß der Geschichte des deutschen Judentums seit dem frühen Mittelalter vor sich zu haben, aber die Verfasserin räumt den Jahrhunderten bis zur Aufklärung nur knapp ein Viertel des ihr zur Verfügung stehenden Raumes ein. Da diese ersten Kapitel zudem die schwächsten des ganzen Buches sind, hätte Wanda Kampmanns Arbeit zweifellos gewonnen, wenn sie sich in Titel und Anlage auf ihr eigentliches Thema beschränkt hätte.

Denn nicht weniger als dreiviertel der restlichen Seiten nimmt die Analyse jener 150 Jahre zwischen Aufklärung und Ersten Weltkrieg ein, die das folgenschwerste Kapitel des deutsch-jüdischen Zusammenlebens enthalten und das eigentliche Thema der vorliegenden Studien darstellen.

Was hier zutage tritt, ist jener widerspruchsvolle Prozeß, in dessen Verlauf den deutschen Juden zwar die volle Emanzipation endlich gewährt, die dazu notwendige Assimilierung aber auf Grund völkischrassischer Philosopheme verweigert wird. Je weniger man "die Judenfrage" religiös und je mehr man sie rassisch interpretierte, desto unwahrscheinlicher wurde es, sie im humanen, desto wahrscheinlicher, sie im Hitlerschen Sinne zu lösen.

Die Antwort besonders des osteuropäischen Judentums war konsequenterweise der Zionismus. Daß sie nicht von den deutschen Juden gegeben werden konnte, erscheint folgerichtig: Das deutsche Bürgertum hatte es ihnen unmöglich gemacht, die Frage zu beantworten, wie es miteinander zu vereinbaren sei, Deutscher und zugleich Jude zu sein. Die Frage des Zionismus zu beantworten, verboten sie sich selbst: Die deutschen Juden waren zu gute Bürger – und zu gute Deutsche.

Wanda Kampmanns Buch deutet schon im Untertitel an, daß es keine Vollständigkeit anstrebt. Gleichwohl gelingt es ihr, diesen tragischen Prozeß klar und übersichtlich in seinen wichtigsten Stationen darzustellen. Sie orientiert sich dabei zum großen Teil an Einzelpersönlichkeiten, die für diese Entwicklung wichtig wurden, weshalb das Fehlen eines Registers besonders beklagenswert ist.

Als besonders informativ erweisen sich ihre Überblicke über den theoretischen Antisemitismus. Aber gerade hier scheinen die Zitate die Grundthese ihres Buches zu erschüttern, daß nämlich die deutsch-jüdische Geschichte nicht folgerichtig auf Auschwitz zulaufe.