Wird Berlins Senator für Wissenschaft und Kunst, Professor Dr. Werner Stein, die vielfachen Probleme lösen, die ihm seine Vorgänger Tiburtius und Arndt hinterließen? Hoffen darf man es, denn der Neugewählte war in der letzten Legislaturperiode Leiter des Volksbildungsausschusses und saß seit 1963 im Abgeordnetenhaus dem Ausschuß für Wissenschaft und Kunst vor. "Aber es ist ein Unterschied, die Dinge von der Legislative oder der Exekutive zu sehen", sagt der Fünfzigjährige, der mit seinem buschigen dunklen Haar wie ein Vierzigjähriger aussieht. "Die Kollegen meines Alters sind allzu leicht dazu verführt, mir auf die Schulter zu klopfen und ‚junger Mann‘ zu mir zu sagen." Ganz so, als ob in der Politik die weißen Haare zur Amtsmiene gehörten.

Professor Stein lehrt Physik an der Freien Universität und leitet das Institut für Biophysik. Seine Vorlesungen mußte er aufgeben, aber sein Institut durfte er behalten. Nur, weil Hochschullehrer als einzige Beamte in solchen Fällen ihren Beruf beibehalten dürfen, hat er überhaupt das Amt des Senators für Wissenschaft und Kunst angenommen. Dabei will er unter keinen Umständen als nur einseitig wissenschaftlich interessiert gelten. Zwar findet er in seinem Amt das Hochschulproblem als das gewichtigste vor, doch möchte er von vornherein seine Aufmerksamkeit auch den Fragen der Kunst widmen.

"Ich kenne einen Arzt", sage ich, "der ist Berliner. Er hat zwei Kinder; die sind auch Berliner. Sie haben beide soeben das Abitur absolviert und möchten in die Fußtapfen des Vaters treten, aber die Freie Universität nimmt sie nicht auf."

Damit war eine große Sorge umrissen: Platzmangel. Der Senat will die Universität erweitern. Aber die bereitgestellten Mittel reichen nicht aus angesichts der Tatsache, daß die Studenten in immer größerer Zahl anrücken. Kurzum, nach des Senators Ansicht wird dies Problem nur durch eine gründliche Reform der Finanzierung gelöst werden können.

Die andere große Frage ist, woher das Lehrpersonal geholt werden könne. In diesem Zusammenhang fragt der Journalist natürlich, wie die Professoren auf das Chruschtschow-Ultimatum aus dem Jahre 1958 und auf Ulbrichts Mauerbau 1961 reagierten. Professor Stein: "Von einer ‚Professorenflucht‘ kann jedenfalls keine Rede sein!" Seit 1961 sei nur ein einziger beamteter Lehrstuhlinhaber gegangen. Dabei seien die Motive nicht einmal politischer Art gewesen. Auch zwischen anderen deutschen Universitäten wechselten die Hochschullehrer gelegentlich. "Betrifft das Berlin", so räumte der Senator ein, "hat das gleich einen fatalen Beigeschmack." Die Stadt müsse nun einmal darauf bedacht sein, das möglichst Beste zu leisten. "Seit 1961 haben wir mehr als 40 Professoren und Privatdozenten neu berufen."

Über die Zahl der abgewanderten Wissenschaftler, die nicht im Beamtenverhältnis stehen, hat die Senatsverwaltung keinen Überblick. Man mag daraus schließen, daß der Senat sich nicht angesprochen fühlte, wenn ein hochqualifizierter Arzt oder ein Gelehrter die Neigung zeigte, Berlin zu verlassen. Er ließ ihn einfach ziehen.

Ob Senator Stein an den Problemen der Wissenschaft so viel zu knacken hat, daß die Kunst dabei zu kurz kommt? Hier prasseln die Fragen dicht: Wer war schuld daran, daß in längst vergangenen Jahren Gründgens hier keine Aufgabe erhielt? Wer, daß auch Stroux fortging? Wie kommt es, daß Schauspielerpersönlichkeiten wie Ernst Deutsch oder Maria Wimmer anderswo ihre feste Heimstatt fanden? Zumindest von Frau Wimmer ist bekannt, daß sie liebendgern in Berlin tätig wäre, wenn sie nur die geeignete Aufgabe erhielte. Was geschah, um Walter Felsenstein, der seit Jahren in Ostberlin der "Komischen Oper" einen internationalen Rang verleiht, für Westberlin zu gewinnen?