Günther Wollny: "Die Zukunft ist anders", Harald Boldt-Verlag, Boppard/Rh., 1962, 264 S., 16 DM.

Günther Wollny entdeckt die Bedeutung der Demographie für die Politik. Er meint, unsere Politiker seien dreißig und mehr Jahre hinter der Zeit zurück, unsere Gesetzgebung renne seit sechzig Jahren hinter der gesellschaftlichen Entwicklung her; Politik lasse sich jedoch auf die Dauer nicht gegen die bestimmenden Trends einer Gesellschaft treiben.

In dem Zusammenhang von Industrialisierung und Bevölkerungsentwicklung sieht Wollny die politischen Möglichkeiten der nächsten Jahrzehnte beschlossen. Die Beseitigung der Armut in der Welt hält er für die große Aufgabe. Er unterscheidet vier Formen der Armut: "Die agrargesellschaftliche Armut war der gesellschaftliche Ort, wo die latente Spannung gegen den Nahrungsspielraum ausgetragen werden mußte; sie war schichtenspezifisch. Der Übergangs gesellschaftliche Pauperismus war übergreifende Armut des aufbrechenden Industrialismus, der durch die Bevölkerungsexplosion den Nahrungsspielraum zu überfluten drohte, aber in einem neuen Ausbau ausgeweitet werden konnte; dieser Pauperismus wirkte generell schichtenbedrohend. Die industriegesellschaftliche Armut wiederum ist gesellschaftswidrig, weil gesellschaftlich funktionslos geworden; sie ist jetzt individuell. Die entwicklungsgesellschaftliche Armut dagegen ist Urarmut; sie ist industriegesellschaftliches Versäumnis."

Den Entwicklungsländern sei nur zu helfen, wenn eine rasche Steigerung ihrer wirtschaftlichen Produktivität und zugleich eine "Rationalisierung ihres generativen Verhaltens" bewirkt werden könne. Erfahrungen und Modelle angemessenen Verhaltens dafür könnten nur die Industriegesellschaften vermitteln. Eben deshalb, meint Wollny, sei Europa der Seniorpartner der Welt. Doch verhehlt er nicht, daß die europäischen Industriestaaten noch nicht durchweg ein ihrer Entwicklungsphase adäquates Bewußtsein ausgebildet hätten: "In Europa handelten wir schizophren. Wir bauten Fabriken, Kraftwerke, Eisenbahnen, Autos und machten uns tausendmal bewußt, wie schlecht die Folgen für das menschliche Geschlecht eigentlich seien. Wir vergroßstädterten, und Oberbürgermeister begannen ihren Rang untereinander an immer größeren Einwohnerzahlen abzuschätzen... Wir waren stolz auf das Absinken der Sterbeziffern, aber das Absinken der Geburtenziffern nahmen wir gar als einen untrüglichen Beweis für unseren physischen und sittlichen Verfall Wir priesen das einfache Leben auf dem Lande und predigten vergeblich gegen die Landflucht. Wir steigerten unsere Ernten mit Kunstdünger, empfanden aber unsere Ernährung aus diesen Ernten als künstlich und ungesund."

Spitz meint Wollny, das Feld der übergangsgesellschaftlich begonnenen Subventionen sei heute so unübersichtlich geworden, daß niemand mehr wisse, wer wen subventioniere. "Aber insgesamt soll diese Plantage für Pauperismus wohl immer wieder von neuem bestellt werden."

Auch die bestehenden Führungsstrukturen in Europa findet Wollny unangepaßt. Der Industriegesellschaft entspreche nicht das autokratische Führungsprinzip oder die Vorstellung von einer Honoratiorendemokratie; sie sei vielmehr auf Zusammenarbeit angelegt (und nicht lediglich "arbeitsteilig", wie mit kritischem Unterton aus der Perspektive der früheren Agrargesellschaft oft bemerkt werde). Die Industriegesellschaft stehe und falle mit ihrer Produktivität. Produktivität zu entwickeln, erfordere aber zum Beispiel, daß man nicht nur Krankheit bekämpfe, sondern Gesundheit fördere. Die basic needs der Industriegesellschaft sollten durch dynamische Gesetze mit bewältigt werden. Diese Gesetze müßten ausgehen von Gesundheit, nicht von Krankheit; von Verarmung, nicht von Armut (die heute kein gesellschaftliches Problem mehr sei); von Alterung, nicht von Alter; von Produktivität, nicht von Ackernahrung. Den Raum-Politikern alten Stils schreibt Wollny ins Stammbuch, ein Volk ohne Raum sei heute ein Volk, das seinen Raum nicht zu nutzen verstehe.

Wollny folgert aus diesen Thesen, die Armut in den Industriestaaten sei nicht durch den Kapitalismus oder durch den Kommunismus überwunden worden, sondern durch gesteigerte Produktivität und eine sinkende Geburtenquote. Eine Ideologie sei deshalb, vor allem für die Entwicklungsländer, nur soviel wert, wie sie für die Industrialisierung tauge. Diese Industrialisierung wiederum sei ohne Rationalisierung in einem sehr weit verstandenen Sinne nicht denkbar. Wollny findet es unverständlich, daß die Europäer die Industrieentwicklung auf ihrem Kontinent zwar gestaltet, aber gleichzeitig einer vorindustriell bestimmten Kulturkritik einen hohen Rang bewahrt hätten. Mit besonderem Unmut verzeichnet er die "Vermassungsthesen" von Ortega y Gasset und Wilhelm Röpke.

Der Freude des Entdeckers entspricht der Stil, in dem Wollny sein anregendes Buch geschrieben hat. Er vermeidet apodiktische Urteile, Superlative und einprägsame Formeln selten, wenn sie ihm einfallen, Nachdem sein Buch erschienen war, ist er unter die Bücherverteiler gegangen und leitet jetzt die Landeszentrale für Politische Bildung in Hessen. Aber er sollte sich gelegentlich Zeit nehmen und seine Vorstellungen über eine industriegesellschaftlich orientierte Sozialpolitik genauer fixieren. Sein Rat an die Politiker, sich weniger vom Augenschein als von langfristig relevanten Tatsachen und Trends leiten zu lassen, wird die Politiker in Bonn hoffentlich nachdenklich stimmen. Ulrich Lohmar