Wenn die Kontinentaleuropäer auf der Suche "nach einem Antiinflationsprogramm sich nennenswerte Anregungen vom neuen englischen Budget erhofft haben, müssen sie enttäuscht sein. Von den Keynes-Prinzipien der Bedarfslenkung durch den Haushalt, die diesmal die Aufgabe hätte, das derzeitige jährliche Wirtschaftswachstum von 6 Prozent auf nur 4 Prozent zu verlangsamen, ist im Voranschlag 1964/65 wenig zu spüren. Die rein fiskalischen Maßnahmen erschöpfen sich, von Kleinigkeiten abgesehen, in einer weiteren Erhöhung der schon bisher außerordentlich hochgeschraubten Steuern auf Tabak und alkoholische Getränke um 10 Prozent, die automatisch voll auf die Preise überwälzt werden.

Der erste Eindruck auch in England: absolut unzulänglich angesichts der inflationistischen Tendenzen und der Anspannung der Zahlungsbilanz. Die Ausgabensteigerungen sind offensichtlich selbstverständlich geworden und das Verlangen nach Einsparungen im Staatshaushalt ist aus dem Wortschatz selbst der allerstrengsten Asketen verschwunden. Im Vorjahr war das bewußte Konjunkturankurbelung. Heute aber überschreitet das veranschlagte Gesamtdefizit von 640 Millionen Pfund (das den nicht aus den laufenden Einnahmen zu deckenden Bedarf für Investitionen, nationalisierte Industrien usw. enthält) das vorjährige Budget um 150 Millionen, obwohl man doch bremsen wollte. Da bereits der geringere Vorjahrsaufwand eine Konjunkturüberhitzung auslöste, erlaubt der Vergleich wohl kaum Aussichten auf die gewünschte Zurückhaltung.

Ähnliche Schlüsse ergeben sich auf der Einnahmenseite. Außer der natürlichen Ertragssteigerung auf Grund der gebesserten Konjunktur schaffen die Steuererhöhungen, hauptsächlich also Tabak und Alkohol, Mehreinnahmen von rund 100 Millionen Pfund. Die meisten Wirtschaftler halten das für zu wenig. Das National Institute of Economic and Social Research, das im Vorjahr Steuerermäßigungen von 400 Millionen Pfund empfohlen hatte, forderte in diesem Jahr Steuererhöhungen von 200 Millionen.

Die englische Zahlungsbilanz dürfte 1964 ein Defizit von mindestens 250 Millionen Pfund aufweisen. Ein solcher Abgang wird zwar mit Hilfe der steigenden Pfundguthaben anderer Mitgliedsländer des Sterlingblocks und der Stützungsabkommen mit den internationalen Notenbanken das Pfund nicht gerade erschüttern, höhere Tabak- und Getränkesteuern allein werden jedoch kaum zur Lösung dieses Problems beitragen. Dabei bedarf das Vertrauen in die englische Währung in einem Wahljahr besonders pfleglicher Behandlung.

Angesichts der Inflationsgefahren erscheint der Kaufkraftentzug von 100 Millionen Pfund oder knapp 4 Promille des sozialen Produktes auf den ersten Blick erstaunlich gering. Aber die effektiv sichtbaren Inflationserscheinungen sind noch verhältnismäßig klein. Auf dem Gebiet der Konsumgüter sorgt ein manchmal fast halsabschneiderische Formen annehmender Wettbewerb dafür, daß sich die Preisbewegung in erträglichen Grenzen hält. Der Schatzkanzler setzt allerdings auch so viel Erwartungen in das Vertrauen des englischen Volkes zum Pfund, daß er noch mehr Kaufkraft als bisher in das Sparen abzulenken hofft.

In dieser Hinsicht jedoch ist das Budget alle Hoffnungen schuldig geblieben. Es enthält nichts, was man unter den herrschenden politischen Gegebenheiten als echte Förderung bezeichnen könnte. Der Schatzkanzler setzt sich sogar dem Verdacht aus, mit den Erhöhungen indirekter Steuern, die er notfalls noch zu verbreitern gedenkt, am meisten die Lohnempfänger zu treffen. Dabei ist dieser Vorwurf trotz des optischen Eindrucks übertrieben, denn der Anteil der indirekten Steuern am Gesamtsteueraufkommen wird weiterhin bei etwa 45 Prozent verbleiben.

Die Labour-Party und die Gewerkschaften verlangen nach wie vor eine stärkere steuerliche Belastung der höheren Einkommen, der Unternehmensgewinne und besonders der mit Ausnahme einer kurzfristigen Spekulation gänzlich unbesteuerten Kapitalerträge. Das läßt auch die Schlüsse auf ein Budget des Labour-Schatzkanzlers zu, wenn diese Partei die Oktoberwahlen gewinnen sollte.