Modeschauen in Berlin. Nicht schlecht, dachte ich, sicher ein interessantes Wochenende. Man sitzt gemütlich da und guckt bloß. Ich packte Zahnbürste und ein paar Pullover ein und fuhr los. Das war, wie sich sofort herausstellte, verkehrt. Ein Schrankkoffer voll Garderobe wäre nötig gewesen. Modefachfrauen scheinen streng die Konsequenzen aus dem zu ziehen, was ihnen mehrmals im Jahr in Paris und Berlin atelierfrisch vorgeführt wird. Viele von ihnen befolgen mit Gründlichkeit, vieler Überlegung und großem Aufwand, daß sie auch begriffen haben, um was es geht. Sie veranstalten Modeschauen für die Modeschauen. Die Grenze zwischen Profis und Dilettanten wird dünn, und die Konkurrenz für die Mannequins – oder die Modöllkonfektionäre – ist hart.

Am Vormittag tragen Zuschauerinnen rustikale Kostüme, "Karrierestil". Braun und Grau. Flache Schuhe und viel Ledergürtel um die Hüften. Nachmittags: elegante Kostüme mit Kaschmir- und Seidenblusen. Lässige Kleider. Schmuck und Lackleder. Zartes Pastell, Türkis, Rosa, Himmelblau. Turbane und Funkelschmuck. Abends: Scharen von kleinen Schwarzen. Chinchilla und Nerz als Cape und Saum. Brokatjacken, schwer bestickte Wildseide, einen langen Abendrock gab’s auch, getragen von einer der rosagepuderten feuerköpfigen großen alten Damen der Mode. "Bitte", flüsterte meine Nachbarin, "nur: Große Dame der Mode!"

Die Mannequins, die blaßhäutig und steckenbeinig auf dem blassen Velours vorübergleiten, liefern neue Informationen und Maßstäbe. Man notiert fieberhaft und vergleicht. Und während man die Armbänder nach unten schlenkert und sich beim spektakulären Zehn-Uhr-Büffet Schinken im Brotteig, butterweiche Kalbshaxe oder zarteste Geflügelleberkreme zum Hummersalat aufhäuft, dazu wie in Gedanken ein Sektglas vom Tablett greift, spricht man über die wirtschaftliche Krise der Bekleidungsindustrie oder fällt gerührt Bekannten aus der eigenen Stadt um den Hals, die man immer nur "im Ausland" auf Messen und Ausstellungen trifft.

Alles ist anders, als es aussieht. Die üppigen Sofas und Polstersessel in der ersten Reihe sind Folterinstrumente, auf denen mir die Beine nach einer halben Stunde einschliefen. Die Zuschauerinnen, die am wenigsten modisch aussehen, wissen am besten Bescheid. Die alltäglichsten Kleider, longseller seit Mutters Zeiten, bekommen von den Fachleuten den frenetischsten Beifall. Aber die Mäntel und Kostüme, die wie von C & A aussehen, und die Modelle, in denen sich die Mannequins am mühsamsten vorwärtsschieben mußten (damit weder unten was platzte, noch oben was rutschte oder ringsherum Pailletten und Perlen abknallten), waren "das beste, was wir hier gesehen haben". Die Kleider, die mir gut gefielen, wurden sofort als "zu konservativ, überhaupt nicht modisch!" in Grund und Boden verrissen. Die Damen, die die Schau am boshaftesten kritisiert hatten, beglückwünschten den Meister zum Schluß am innigsten. Nur die winzigen Goldstühlchen brachen wirklich zusammen. In einem Haus sogar dreimal.

Es beginnt immer ganz harmlos. Die Mannequins schreiten mit Anmut, man nimmt raffinierte Abnäher und Falten wahr, der Raum ist sanft und kühl, die Damen duften nach vielerlei Parfüms und sitzen entspannt und schön auf ihren Stühlen. Und plötzlich steigt die Hitze. Das Parfüm ist verflogen. Blaue Schwaden von Zigarettendunst hängen vor den mörderischen Scheinwerfern. Die Mannequins haben Schatten unter den Augen und dickte Adern an den roten Händen. Die Farben mischen sich zu einem regenbogenfarbenen Strom. Die Nasen glänzen. Blicke zum Fenster. Kann man nicht vielleicht? Die Herren – ach, sind die Herren schön bekleidet! Ripsbänder am Kragen, Manschetten am Jackett, Trompetenhosen in Karo, Kamelhaaranzüge – sie dürfen die Fenster nicht öffnen, weil’s den Mannequins sonst zieht. Endlich ist Pause. Saft oder Sekt und Häppchen. "He! Hierher auch!" rufen einige Damen aus der letzten Reihe, und nach der vierten Schau am gleichen Tag, nach 600 Kostümen und Kleidern – oder waren es 800? – setzt man sich die Sonnenbrille vor die entzündeten Augen und kann sich nicht vorstellen, daß man je wieder Spaß an Kleidern haben wird.

Die weiblichen Routiniers aber bleiben wachsam. Sie schalten von elf Uhr an auf Sparblick. Halbgeschlossene grüne, blaue, silberne Lider, entspanntes Gesicht. Das Bild, das nicht zählt, dringt gar nicht erst ins Auge oder gar in den Kopf. Doch dann zuckt plötzlich ein Blick, der jede Falte und Biese und Blende registriert und damit bestimmt, was wichtig sein wird. Woher sie nur die Regeln und Maßstäbe haben!

Als ich am Sonntagabend um halb zwölf nach der letzten Schau des Tages auf den Kurfürstendamm trat, sagte eine Dame: "Gestern habe ich noch gedacht, ich wüßte, was Mode ist. Allmählich fange ich an, an meinem Geschmack zu zweifeln." Dabei lagen erst zwei Tage von acht hinter ihr. sy.