Rachel Carson ist tot. Die kleine scheue Biologin und Verfasserin von vier Bestsellern, die mit ihrem aggressiven Buch "Stummer Frühling" die Weltöffentlichkeit alarmiert hatte, vor den gefährlichen Folgen eines überreichlichen Gebrauchs von Pflanzenschutzmitteln auf der Hut zu sein, starb – genau einen Tag vor ihrem bisher größten Sieg.

Schon der Vorabdruck einiger Kapitel aus "Silent Spring" im "New Yorker" hatte im Herbst 1962 heftige Diskussionen ausgelöst. Präsident Kennedy berief damals sogleich einen Untersuchungsausschuß, der das Ausmaß der Umweltvergiftung durch Insektizide und gegebenenfalls staatliche Maßnahmen prüfen sollte, durch die eine solche Vergiftung eingedämmt werden könnte. Damals schon bestätigte der Bericht jener Kommission einen großen Teil der Carsonschen Thesen. Doch zu staatlichen Kontrollmaßnahmen konnte man sich nicht entschließen. Dazu bedurfte es erst eines drastischen Beweises für die Berechtigung der Prophezeiungen, mit denen sich die Schriftstellerin bei der chemischen Industrie und die Biologin bei einigen ihrer Fachkollegen unbeliebt gemacht hatte: Das große Fischsterben im Mississippi-Unterlauf, dem in den letzten vier Jahren zehn Millionen Tiere zum Opfer gefallen sind, ist eindeutig auf die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln zurückzuführen.

Als dies bekannt wurde, machten sich die Gesundheitsbehörde der USA und der Innenminister Udall für eine scharfe gesetzliche Regelung des chemischen Pflanzenschutzes stark. Die große Überraschung aber brachte der Tag nach Rachel Carsons Tod: Landwirtschaftsminister Freeman, dessen Behörde die Autorin mit besonders bitteren Vorwürfen bedacht hatte, trat sogar für das Verbot einiger besonders langlebiger Insektengifte ein. Freeman ist nunmehr überzeugt davon, daß sofort gehandelt werden muß.

Rachel Carson, die in diesen Tagen im Alter von 56 Jahren einem Krebsleiden erlegen ist, hatte schon 1951 mit ihrem zweiten Werk "The Sea Around Us" einen Riesenerfolg. Das Buch stand 39 Wochen lang ununterbrochen an der Spitze der amerikanischen Bestseller-Liste. "New York Times" kommentierte: "Große Dichter von Homer bis Masefield haben versucht, das Mysterium und die endlose Faszination des Ozeans zu beschreiben; gelungen ist es erst dieser kleinen freundlichen Frau." Bestseller wurde auch ihr nächstes Buch, "The Edge of the Sea", und die Neuerscheinung ihres Erstlingswerkes, "Under The Sea Wind".

In diesen drei Büchern beschrieb die Biologin den Einfluß der Umwelt auf die Lebewesen im Meer und an den Küsten. In "Stummer Frühling" dagegen schildert sie, wie das Lebewesen Mensch seine Umwelt gefährlich verändert, wenn er mit chemischen Mitteln das Gleichgewicht der Natur stört. "Wir sind alle kaum besser dran als die Gäste der Borgias", schrieb Rachel Carson, die Frau, die es wie kaum ein anderer verstanden hat, trockene Wissenschaft in einer warmherzigen, bilderreichen Sprache verständlich zu machen und die selbst im Polemisieren Dichterin geblieben war.

Thomas von Randow