Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Als ich am Sonntagnachmittag kurz vor halb fünf in der Tür zum Kleinen Saal des feinen Hamburger Hotels stand, dachte ich, ich hätte mich geirrt. Grabesstille. Die Männer und Frauen an den etwa dreißig kleinen Tischen saßen reglos und aufrecht wie Schaufensterpuppen und starrten ins Leere. "Ist hier der Tanztee?" fragte ich den Ober. In diesem Moment war es Punkt halb fünf. Die Musik setzte schmelzend und laut ein, Kellner schossen hin und her, die Männer und Frauen rückten sich bequemer zurecht, Blicke suchten Ziele.

"Sind Sie allein?" fragte der Ober. Ich sagte: "Ja", und er führte mich zu einem Tisch in einer Nische, an dem schon eine Brünette im gelben Leinenkleid saß. Ich lächelte, die Brünette lächelte. Die Musik spielte, aber niemand tanzte. Ein Kellner kam und fragte: "Kaffee? Tee?" Dabei hielt er mir eine Karte hin, auf der stand:

"Das kleine Tanzteegedeck: 1 Kanne Kaffee, Tee oder Kakao, 2 Stück Kuchen, 1 Glas Likör – 7,50 DM." Ich fragte etwas, doch er zuckte die Achseln. Die Brünette sagte rasch: "Allo cameriere", und übersetzte meine Frage eifrig ins Italienische. Er zuckte wieder die Achseln, und die Brünette schwieg enttäuscht. Ich tippte mit dem Finger auf "Kaffee", er nickte. Es tanzte immer noch niemand.

Die Frauen waren zumeist zwischen 30 und 45, es gab drei oder vier Paare, die gemeinsam an einem Tisch saßen, auch ein paar Zwanzigjährige und viele ältere Männer. Die Frauen trugen – hier und da ein bißchen zu knappe – Kostüme oder Tanzkleider mit interessanter Rückenpartie: ausgeschnitten und mit Pailletten gesäumt oder mit Schleifen verziert oder mit kreuzweisen Trägern, die beim Tanzen verrutschten. Viele hatten sich mit Broschen aus Hermelinschwänzen geschmückt. Einzelne Frauen saßen bei anderen einzelnen Frauen am Tisch, und die Männer nahmen bei Männern Platz.

Die Kellner servierten den Kaffee und den Tee und hielten den Gästen stumm die Kuchenplatte entgegen. Ich sagte: "Ich möchte gern den Apfelkuchen!" und der Kellner grinste verlegen. Die Brünette deutete mit dem Zeigefinger auf das Kuchenstück, und ich bekam es. Nach dem dritten Tanz wurden alle Frauen aufgefordert, die an den Tischen direkt neben der Tanzfläche saßen. Ich befand mich weiter hinten, in der dritten Reihe. Der Ober führte noch eine mollige Blonde im schwarzen Kostüm an den Tisch. Sie lächelte, setzte eine Sonnenbrille auf und bestellte Kakao. Auf meine Frage sagten die Blondine und die Brünette, in diesem Lokal gehe es am schönsten und gepflegtesten zu. In dem Lokal am Bahnhof hingegen seien nur Ausländer, und der Wirt erwarte, daß sich Damen allein an die Tische setzen und auf einsame Herren warten. Nein – und da musterten sie sich gegenseitig vorsichtig –, das sei ja nicht das, was man wolle. Dennoch, oft seien sie eigentlich nicht hier, nur alle Jubeljahre einmal. Die Brünette arbeitet in einem Konsulat; die Blonde sagte nicht, was sie macht. Wir waren die einzigen, die sich unterhielten.

Nach der Fünf-Minuten-Pause standen schon viel mehr Männer auf; sie zogen sich dabei verlegen die Jacke glatt oder die Hosen hoch oder die Krawatte gerade. Ich hatte die Brille abgenommen, damit ich nicht so streng aussah. Aber da ich ohne sie die Tanzenden nicht erkennen konnte, hatte ich sie gleich wieder aufgesetzt. Ich wurde trotzdem noch vor der Brünetten aufgefordert. Die Blonde tanzte schon.