Von Christian Enzensberger

Mehr als zehn Jahre, nämlich bis 1939, hat die Kritik gebraucht, bis sie merkte, wen sie vor sich hatte. Dann hat sie ihn, mit Conrad Aikens großem Aufsatz im Atlantic Monthly und Sartres Analyse von "Schall und Wahn" in der Nouvelle Revue Française, mit einem Schlag auf das Podest des großen Tragikers gehoben; und alsbald war auch die akademische Kritik zur Stelle mit deep reading und close reading und Strukturanalyse und förderte Erzählschichten, Mythoselemente, Polaritäten, ethische patterns, Perspektiven und Zeitebenen aus der neuen, unerschöpflichen Mine.

Das war notwendig und nützlich, aber gefährlich war es auch. Denn als er nun endlich untergebracht war, als er, nach so langer Mühe, endlich droben stand auf seinem hohen Platz – was tat er da? Er ging hin und schrieb einen komischen Roman – Und starb auch noch, ohne den Fehltritt vorher wiedergutzumachen. Der Schluß war schnell gezogen und hieß: das darf er nicht. Ein Faulkner-Roman, der nicht handelt von Fluch und Verhängnis, in dem keiner schlimm zugrunde geht oder auch nur wenigstens stirbt – damit kann es nichts sein.

Und so geschah es, daß die Kritik genau dorthin wieder zurückplumpste, wo sie, zu ihrer Schande, schon einmal gewesen war: bis aufs Haar gleichen sich die Besprechungen von "Sirtoris" (in Scrutiny, 1932) und von "The Reiveis" (in Hudson Review 1962). "Mr. Faulkner wird es leicht zum Anführer jener Meute bringen, die den Lesern der Saturday Evening Post allwöchentlich den Mund spült", hieß es damals; und dreißig Jahre danach: "ein volkstümelncer Zeitvertreib (a folksy entertainment) à la Saturday Evening Post für sommerliche Nachtlektüre."

So aber darf man, wenn man sich nicht blamieren will, von Faulkner nicht reden; sondern allenfalls von Jerome Klapka Jerome oder P. G. Wodehouse oder Max Beerbohm oder vielleicht sogar von Saroyan, kurz: von irgendeinem der zahlreichen angelsächsischen Errichter hoher Tellertürme, die dann unter dem wiehernden Gelächter der Zuschauer wieder in sich zusammenstürzen. Da aber kann dem Kritiker wiederum nicht viel passieren, denn er ist überflüssig: Daß in den Scherzartikelläden die Papierzylinder graue Würste absondern, das hat man auch ohne ihn gewußt.

Wenn aber, sagen wir, Kafka einen Roman wie "Amerika" schreibt, dann sehe sich der Kritiker vor. Denn dann sind nicht mehr nur dürre Witzmechanismen in Gang, sondern eine Welt, und er hüte sich, die Oberköchin oder Bruneida nur am einzigen Maß seiner Heiterkeit zu messen. Karl Roßmann hätte bloß, statt bei einem Hotel und einer Schautruppe, bei einer anderen Tür einzutreten brauchen, und am nächsten Morgen hätten sehr höfliche Kriminalbeamte davorgestanden ...

Verweisen nicht alle großen komischen Romane auf eine dunkle Gegenwelt, die den Helden, wäre er nicht ein Schlafwandler, ein Kind oder ein Gauner, auf der Stelle verschlänge? Er heiße Pickwick oder Krull, Simplicissimus oder Pawel Iwanowitsch Tschitschikow? Sie verschlingt ihn nicht, will ihn nicht verschlingen, und könnte es nicht, selbst wenn sie wollte – denn er tut eine Reise; und bis das Chaos Zeit findet, ihn unter sich zu begraben, ist er schon wieder anderswo – als sei das Urbild der Zug durchs Rote Meer, das viel zu spät, und dann eben doch zur rechten Zeit, zusammenschwappt...