Von Rainer Berndt

Mitten durch die deutsche Sprache geht die Demarkationslinie. Wieviel legale Grenzgänger gibt es unter den Büchern? Nur Ausnahmen brechen die Regel von der geteilten Literatur.

Markiert der Riß, der durch die Literatur geht, auch die Grenze eines geteilten Schweigens? Oder ist das Schweigen noch gesamtdeutsch? Als künstlerische Möglichkeit kennt es viele Spielarten. Man kann es als Film zeigen – wie Kazimierz Kutz. Man kann es sammeln – wie Heinrich Böll. Man kann es aber auch als Esperanto verwenden wie der kommunistische Pantomime Harald Seime. Der Flug eines Schmetterlings, den seine Hand in den Lichtkegel eines Scheinwerfers zeichnet, ist von der Schwerkraft der Sprache und den Fesseln der Ideologie befreit.

In den letzten Jahren war in der DDR eine Pantomimen-Renaissance zu beobachten. Harald Seime ist ihr spiritus rector. Heute bestehen bereits mehrere eigenständige Ensembles. In bestimmten Zeitabständen holt Harald Seime junge Talente und die Leiter der einzelnen Ensembles zu Lehrgängen nach Rudolstadt zusammen; und von hier aus dirigiert er die weitere Entwicklung der Pantomime in der DDR. Er ist darüber hinaus ein ungewöhnliches Talent dieses Metiers und überhaupt einer der wenigen jungen Künstler aus der Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen in Mitteldeutschland, deren Begabung auch ohne Parteibrille erkennbar ist.

Harald Seime: siebenundzwanzig Jahre, blond und brecht-frisiert. Aber die freundliche Bläue seiner Augen täuscht. Sie stehlen jede verwertbare Geste. In fast jeder Situation, jedem Gesicht, jeder Bewegung entdecken sie etwas unfreiwillig Komisches. Zu seinen Freunden ist er ungeschminkt herzlich, ohne dabei seine Geschmeidigkeit aufzugeben, die ihn immer rechtzeitig auf Distanz bringt. Als Chef seines Pantomimen-Studios ist er vorbildlich kameradschaftlich. Außerdem ist er Dozent am Institut für Körperkultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Parteigenosse und überzeugter Marxist.

Im Jahre 1956 sah er zufällig einen Film über Marceau im Fernsehen. Das gab seinem brachliegenden Talent den Anstoß. Bereits ein Jahr später – von Staats wegen zu den kommunistischen Weltfestspielen geschickt – erntete er in Moskau Lorbeeren. In den folgenden Jahren gastierte er in fast allen größeren Städten der DDR und machte Tourneen ins Ausland – er trat im Saargebiet, in der CSSR und in Polen auf. Zwischendurch arbeitete er als Choreograph am Nationaltheater Weimar und an den Bühnen der Stadt Gera. Offizielle Auszeichnungen ließen nicht auf sich warten – vom Zentralrat der FDJ, vom Minister für Kultur. Wo die Ehre ist, ist das Fernsehen nicht weit. Seine Geschichten ohne Worte flimmerten über volkseigene Bildschirme. Inzwischen hatte er einige seiner großen Kollegen kennengelernt, Jean Soubeyran und Tomaczewski und auch Marceau und dessen junge Frau – eine Polin, die Marceau aus dem Ensemble Tomaczewski weggeheiratet hat. Harald Seime hat von ihnen gelernt, und sein Weg führte nicht wie der vorgeschriebene "Bitterfelder Weg" auf die Felder und in die Dörfer, sondern zum internationalen Niveau.

1958 gründet er sein eigenes Ensemble (das Pantomimenstudio der Friedrich-Schiller-Universität Jena). Er studiert drei abendfüllende Pantomimen ein: "Marionettentragödie", "Die Kinder" (Begebenheiten auf einem Kinderspielplatz in sieben Bildern) und "Die sieben Schwaben" (nach dem Grimmschen Märchen zu einer Persiflage auf Hitler und das Dritte Reich umgestaltet).