Die Ankündigung der Farbwerke Hoechst, das Kapital zu erhöhen, und der Badische Anilin-& Sodafabrik (BASF), eine Wandelanleihe auszugeben, hat weder in Börsenkreisen noch bei den Aktionären ungeteilten Beifall gefunden. In vielen Briefen, meine verehrten Leser, die in diesen Tagen auf meinen Schreibtisch gekommen sind, wird die Empörung über die angeblich zu hohen Ausgabe- bzw. Wandlungskurse Luft gemacht. Aber ist die Mißstimmung tatsächlich berechtigt? Niemand wird behaupten können, daß die beiden Unternehmen und ihre Hausbanken in bezug auf die angekündigten Kapitaltransaktionen in allen Punkten glücklich verfahren sind. Darüber wird zu sprechen sein. Wer jedoch Kritik an hohen Ausgabekursen übt, hat übersehen, daß auch in der Bundesrepublik die Zeit der sogenannten "Bezugsrechtsgeschenke" vorüber ist. Niedrige Ausgabekurse werden auf Ausnahmen beschränkt bleiben.

Genau wie die Großbanken haben sich die drei großen IG-Farben-Nachfolger zu einer einheitlichen Dividendenpolitik entschlossen. Ihr Einheitssatz beträgt 18 Prozent, nichts deutet darauf hin, daß sich hieran in den nächsten Jahren etwas ändern wird. Es wäre aber eine Illusion anzunehmen, daß die drei "Großen", Farbenfabriken Bayer, BASF und Hoechst, auch gleich verdienen würden. Das ist ebensowenig der Fall wie bei den Großbanken. In den Bilanzen gibt es "Qualitätsunterschiede". Davon hat jedoch der Aktionär unmittelbar nichts. Er merkt die "Stärke" der Unternehmen jedoch an der Art und Weise, wie die Gesellschaften neues Kapital hereinzuholen versuchen. Kapital ist ein wichtiger Kostenfaktor, und wer sich höhere Kapitalkosten leisten kann, muß eben stärker sein.

Bayer will seinen Aktionären mit einem "günstigen" Ausgabekurs für die aus der nächsten Kapitalerhöhung hervorgehenden jungen Aktien einen Ausgleich dafür bieten, daß sie auf einen Bonus aus Anlaß des hundertjährigen Jubiläums vergeblich warteten. Bei Bayer gibt es 100 Millionen "genehmigtes" Kapital. Wenn die jungen Aktien beispielsweise zu 200 Prozent verkauft werden sollen, erhält Bayer 200 Millionen neu in die Kasse. Unter der Voraussetzung, daß die Dividende von 18 Prozent bleibt, muß die Gesellschaft das neue Nominalkapital von 100 Millionen praktisch mit 9 Prozent verzinsen. Das ist sicherlich nicht die billigste Art der Kapitalbeschaffung, aber Bayer kann sich so etwas offenbar leisten.

Bei Hoechst ist man gezwungen, schärfer zu kalkulieren. Hier wird das Kapital um 90 Millionen erhöht. Davon bietet die Verwaltung den Aktionären 77 Millionen zum Ausgabekurs von 275 Prozent an, weitere 3 bis 4 Millionen erhält die Belegschaft zu sozial kalkulierten Preisen, die restlichen 3 bis 4 Millionen werden sogenannte "Verwertungsaktien", d. h. sie sollen im Auftrag der Verwaltung frei verkauft werden. Obgleich die Verwaltung bislang nicht erklärt hat, welchen Kurs sie bei den Verwertungsaktien zu erzielen hofft, so läßt sich doch aus verschiedenen Äußerungen schließen, daß sie mit der Kapitalerhöhung insgesamt rund 270 Millionen in die Kasse zu bringen hofft. Sie braucht die nom. 90 Millionen neues Aktienkapital deshalb nur mit 6 Prozent zu verzinsen, ist also besser dran als Bayer. Hoechst sah bei der Festsetzung der Konditionen auf den Rentenmarkt, wo Kapital unter 6 Prozent zur Zeit nicht erhältlich ist.

Der hohe Ausgabekurs ist das Resultat kaufmännischer Überlegungen. Es wird den Aktionären schwerfallen, den Nachweis zu erbringen, daß diese falsch sind und deshalb die jungen Aktien billiger ausgegeben werden können. Die Gesellschaft braucht Kapital und sie wünscht es, zu marktgerechten Bedingungen hereinzunehmen. Es ist müßig, hieran herumzustreiten. Ein echter Konfliktpunkt ist dagegen die Schaffung von Verwertungsaktien. Aus einigen trüben Erfahrungen wissen wir, daß mit Verwertungsaktien Mißbrauch getrieben werden kann. Führende Bankiers, darunter Hermann J. Abs von der Deutschen Bank, haben sich mehrfach naserümpfend über die Schaffung von Verwertungsaktien geäußert. Und ich meine mit gutem Grund. Die Hoechster Verwaltung begründet die Schaffung der Verwertungsaktien mit dem Hinweis, daß man den Aktionären keinen höheren Ausgabekurs als 275 Prozent habe zumuten wollen, ohne Verwertungsaktien hätte man aber 300 Prozent fordern müssen.

Diese Rechnung stimmt, unterstellt aber, daß die Masse der Aktionäre nicht rechnen kann. Kritiker an hohen Ausgabekursen wird es immer geben. Hoechst wird auf der Hauptversammlung auch Ärger mit ihren 275 Prozent bekommen, bei 300 Prozent wäre er nicht wesentlich größer gewesen. Im Grunde stellen Verwertungsaktien dieser Art nichts anderes dar als eine Bevormundung der Aktionäre. Die Verwaltung verkauft nämlich einen Teil des Bezugsrechtes der Aktionäre, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, sie hätten einen günstigen Ausgabekurs bekommen.

Der Vorstand von Hoechst (und auch die Hausbank, die Dresdner Bank) versicherten, daß die Verwertungsaktien nicht "auf die Börse drücken" würden, weil man sie an Stellen verkaufen könne, die sie auf absehbare Zeit behalten. Die Käufer der Verwertungsaktien müßten sich ausdrücklich verpflichten, die Aktien eine bestimmte Zeit im Portefeuille zu behalten. Dafür bekämen sie die Aktien billiger.