Von Dietrich Strothmann

Das Frankfurter Gallus-Viertel, in der Nähe des Hauptbahnhofs, gehört nicht zu den bevorzugten Wohngegenden der betriebsamen Main-Metropole. Einst, vor nun schon 500 Jahren stand hier, vor den Festungsmauern und Wehrtürmen, auf einem Hügel der Galgen. Es war ein unwirtlicher Platz, ängstlich gemieden von den ehrbaren Bürgern. So verrufen war damals dieser Platz mit dem Hügel, daß sich die honorigen Frankfurter sogar scheuten, das Wort "Galgen" in den Mund zu nehmen. So sagten sie "Gallus".

Die Zeiten gingen dahin. Die Stadt breitete sich aus. Der Hügel mit dem Galgen verschwand. Später wurde dort ein Gotteshaus gebaut; das – da es auch einen katholischen Heiligen dieses Namens gab – als St.-Gallus-Kirche geweiht wurde. Seit den Ostertagen dieses Jahres steht nun in diesem Stadteil, unweit eines noch übriggebliebenen mittelalterlichen Wachturmes, ein modernes Bürgerhaus, ein nüchterner Bau aus Glas und Beton: das Gallus-Haus.

Dreimal in der Woche, gegen acht Uhr morgens, fahren hier drei grüne Wagen vor. Polizeiwagen. Sie kommen vom Untersuchungsgefängnis in der Hammelsgasse. Elf Männer steigen aus, streng bewacht von bewaffneten Beamten: die 11 der 21 Angeklagten des Auschwitz-Prozesses. Pünktlich, eine halbe Stunde später, eröffnet der Vorsitzende des Schwurgerichts die Verhandlung gegen "Mulka und andere". Noch einmal in diesen Monaten wird das Viertel um den Galgenhügel zu einer Stätte des Schreckens und des Todes, zu einem Platz, wo Verbrecher ihren Urteilsspruch erwarten.

Durch die hohe Glaswand dringt der Lärm der Straße, unterbrochen zuweilen von dem schrillen Klingeln einer Pausenschelle und dem vielstimmigen, fröhlichen Geschrei der Kinder, die auf dem Schulhof nebenan Fangen spielen. Im Theatersaal des Bürgerhauses sind die Angeklagten die Verteidiger, die Staatsanwälte und Zuschauer aufgestanden. Durch einen Seiteneingang der mit einem blauen Vorhang drapierten Bühne kommen die Richter und die Geschworenen. Die Sitzung beginnt. Es ist der 36. Verhandlungstag.

Unmittelbar vor der Fassade mit den Milchglasfenstern, auf einer aus rohen Brettern provisorisch zurechtgezimmerten zweiten Bühne sitzen sie in bequemen Stühlen, eingerahmt von den Polizisten in dunkelblauen Uniformen und den Anwälten in den weiten, schwarzen Talaren: die Adjutanten, Gestapo-Männer, Sanitäter, Ärzte, Rapportführer und Aufseher aus dem KZ Auschwitz. Und unter ihnen einer, den damals, in den Jahren von 1942 bis 1945, Tausende fürchteten, wie sonst kaum jemanden in dem Vernichtungslager: Wilhelm Boger.

Die Häftlinge nannten ihn den "Teufel von Auschwitz", den "Satan", den "Tiger", den "fahrenden Tod". "Wenn er mit seinem Fahrrad durch das Lager fuhr", so berichtete eine Zeugin, "war das für die Häftlinge ein schwarzer Freitag." Und ein anderer erinnerte sich: "Er sprach sehr wenig. Aber wenn er durchs Lager marschierte – für uns war es, als wenn der Tod um die Ecke kommt."