Am 28. April 1874 wurde Karl Kraus im böhmischen Jičin geboren, am 12. Juni 1936 starb er in Wien – medizinisch an den Folgen eines Katarrhs, wahrscheinlich an den Qualen einer Antizipationskraft, die ihm 1932 eine Apokalypse vorzeichnete, die man heute den Zweiten Weltkrieg nennt. Eine seltsame, gnadenreiche Automatik ließ ihn abtreten, als es endgültig entschieden war, daß er als Moralist und Satiriker sich selbst überlebt hatte. Sein Werkzeug war zerschlagen, die Satire von einer Realität überholt, die alle Satire an Absurdität übertraf.

Im Sommer 1914 hatte Kraus eine seiner Lesungen mit den Worten eingeleitet: "Wenn das Leben am Ende ist, haben der Satiriker und der Karikaturenzeichner schon vorher abgedankt. Vor dem Totenbett der Zeit stehe ich und zu meinen Seiten der Reporter und der Photograph ... Mein Amt war nur der Abklatsch eines Abklatsches ... Mein Amt war, die Zeit in Anführungszeichen zu setzen, in Druck und Klammer sich verzerren zu lassen, wissend, daß ihr Unsäglichstes nur von ihr selbst gesagt werden konnte." Aber dann hatte er sich besonnen, war zum Gegenangriff übergegangen, hatte in seinem monumentalen, in ganzer Länge völlig unaufführbaren Drama "Die letzten Tage der Menschheit" der Zeit ihren Spiegel vorgehalten, durch bloßes Zitieren all der gespenstischen Stimmen die Floskeln, Lügen und Narrheiten entlarvt.

Aber das, was er seit 1932 über Österreich und Europa hereinbrechen sah, ließ ihn verstummen. Sein Lebensinhalt und seine Lebensberechtigung, die Zeitschrift "Die Fackel", die er 1899 gegründet hatte, allein edierte und – in späteren Jahren – allein schrieb, erschien von 1932 bis 1934 – bis auf eine Ausnahme – nicht mehr. Die erste Nummer nach diesem langen Schweigen, zugleich eine der letzten überhaupt, trug den Titel "Warum die Fackel nicht mehr erscheint" und begann mit den Worten: "Mir fällt zu Hitler nichts ein."

Auf die Aufforderung seiner Leser, wieder zu schreiben, antwortete er: "So sei denn die Forderung, die von kühnen Lesern gestellt wird, zwar nicht mehr mit Schweigen und dem Ausdruck des Schweigens beantwortet, sondern mit der ausdrücklichen Weigerung: Erscheinungen, die durch eine exorbitante Mischung von Blut und Boden, Persönlichkeit und Volkstümlichkeit dem Menschenhaß und menschlichem Urteil entrückt sind, Männern wie Hitler, Göring und Goebbels mit Geist, Mut beziehungsweise Wahrheitsliebe entgegenzutreten."

Es gilt heute als fesch, ein apokalyptisch oder gar libertin anmutendes Wörtlein von Kraus parat zu haben. Und durch diese Versuche, ihn zum kessen Zyniker zu stempeln, könnte seine wirkliche Stelle in der deutschen Literatur verrückt werden: Er war nach und neben dem von ihm gehaßten Heinrich Heine der größte Satiriker, mit und neben Georg Christoph Lichtenberg der größte Aphoristiker und, ohne Nachbarschaft, der profundeste Kenner und ekstatischste Liebhaber der deutschen Sprache.

Zu seiner Zeit angebetet und mit Dreck beworfen, ein "Weißer Hohepriester der Wahrheit" genannt (von Trakl) und ein "bewußter Giftmischer" (von Willy Haas), war sein wahres Geheimnis vielleicht das, was Kurt Wolff an ihm erkannte: "Es war meine erste und einzige Begegnung mit der Inkarnation des Absoluten." PeK.