Von Gottfried Sello

Wer oder was ist Hundertwasser? Es soll, Hundertwasser wird es nicht glauben wollen, immer noch Leute geben, die das immer noch nicht wissen. Hundertwasser ist ein Geschenk für Deutschland (so sagt’s der Änne-Abels-Katalog 1963). Warum aber nur für Deutschland? Österreich ist sein Vaterland, Österreich hat seinem Maler auf der Biennale 1962 einen Pavillon zugestanden. Den Biennale-Preis erhielt er nicht, aber den Sanbra-Preis der V. Biennale Sao Paulo 1959 und den Mainichi-Preis der 6. International Art Exhibition, Tokio, 1961. Japan ist sein Orplid, eine Japanerin hat er geheiratet, bildschön, bei Hundertwasser kann man ruhig darüber sprechen, je persönlicher, desto besser; sie ist photogen, er ist photosüchtig, in jeder Pose, mit und ohne Kimono, Kaftan oder schlichter Samtjacke. Im Raymond-Cordier-Katalog erscheint er nur mit Lendenschurz bekleidet hinter, vor und zwischen seinen Bildern. Er giert nach Publicity, nach Skandal, er muß auffallen, um jeden Preis, sich ins Gespräch bringen, in Szene setzen, sich bis zum Exzeß wichtig nehmen, er muß mit jedem Blatt, das er seit seinem vierten Lebensjahr gemalt hat, einen Kult treiben, den Sammlern genaue Anweisungen geben, wie sie mit seinen Bildern zu verfahren haben, nämlich sie keinen Luftfeuchtigkeitsschwankungen auszusetzen, die Zentralheizung mit Wasser zu versehen, die Bilder nach einigen Jahren mit in Terpentin gelöstem Bienenwachs zu firnissen. Er muß immerzu manifestieren, protestieren, provozieren, und sei es auch nur mit einem "Verschimmelungsmanifest" oder dem Experiment der "Unendlichen Linie" in der Hamburger Hochschule, das seinem tollen Gastspiel als Gastdozent 1959 ein Ende setzte. Das alles hat mit Geschäftstüchtigkeit überhaupt nichts zu tun, und nur wenig mit den theatralischen Streichen von Dada. Es geschieht unter Zwang, ist ein pathologisches Phänomen, die Psychologen mögen es unter Exhibitionismus, Schizophrenie, Ichbesessenheit, Größenwahn einordnen. In der freundschaftlich euphemistischen Umschreibung von Wieland Schmied, der ihn ausstellt, heißt es: "Hundertwasser ist ein Narziß."

Die Hundertwasser-Schau ist die hundertste Ausstellung der Kestner-Gesellschaft nach dem Kriege, der Katalog enthält hundert Farbreproduktionen und ist im übrigen ein "mit Musilscher Leidenschaft nach Vollständigkeit und Genauigkeit" gearbeitetes Oeuvre-Verzeichnis ("Nichts, was Hundertwasser je gemalt hat, läßt er aus"). Hundert und aber hundert – selbst der seriöse Wieland Schmied verfällt, wenn es um Hundertwasser geht, momentweise dem Hundertwasser-Tausendsasa-Hokuspokus. Dabei will er mit seiner Ausstellung den Maler doch gerade aus der etwas anrüchigen Sphäre des Hundertwasser-Mythos hinausheben. Vielleicht hat Wieland Schmied damit recht, daß es schwer sei, sich einen Maler vorzustellen, für den "leben" und "arbeiten" so wenig zu trennen sind wie für Hundertwasser. Für den Besucher der Ausstellung empfiehlt es sich jedoch, durchaus "Werk" und "Person", auch wenn es schwerfällt, zu trennen, das pathologische und künstlerische Phänomen auseinanderzuhalten und die Bilder so zu betrachten, als ob sie von einem gänzlich Unbekannten und Unbeschriebenen gemalt wären.

Auf den ersten Blick: Dieser – namenlose – Maler ist unbedingt originell, er hat Stil, eine eigene Handschrift, eine eigene Formenwelt, einen unverwechselbaren Farbklang, den man mühelos aus der ganzen zeitgenössischen Malerei heraushören kann. Der Grund für diese ganz

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ungewöhnliche Einprägsamkeit: Die Vorstellungswelt des Malers ist relativ eng, sein Formenarsenal ist begrenzt. Immer wieder Spiralen, die labyrinthische Linie, die Wellenform, der Zacken, die Zwiebel. Auch die Farbkonstellationen werden nur wenig variiert, einmal Grasgrün mit Violett und Kadmiumrot, ein andermal Ultramarin, Chromgelb, Orange, dazu Einschiebsel von Gold und Silber, bei immer der gleichen Lautstärke. Eine grelle, märchen- und bilderbuch-bunte Koloristik.