Von Victor Gero

Monatelang strömten ganze Heerscharen von besorgten Eltern mit ihren todkranken Kindern nach Korsika, zu dem Selfmade-Biologen Gaston Naessens, der behauptet hatte, er könne mit seinem Serum "Anablast" Leukämie heilen. Überdies wollte er den Erreger dieser Krankheit entdeckt haben. Der Patientenstrom zu der Mittelmeerinsel ist längst versiegt, denn die Wunderdroge stellte sich als wirkungslos heraus und die angeblich entdeckten Mikroorganismen im leukämischen Blut als Phantome.

An das erschütternde Fazit dieser Affäre, an die bittere Enttäuschung der vielen leidgeprüften Familien mag der wissenschaftliche Direktor des britischen Krebsforschungsinstitutes gedacht haben, als er vor zwei Wochen bei einer Pressekonferenz in London die Journalisten inständig bat, keine falschen Hoffnungen zu erwecken.

Gegenstand der Konferenz war eine Entdeckung, die der 37jährige italienische Biologe Dr. Gavino Negroni gemacht hat. In zehn von insgesamt 25 untersuchten Fällen gelang es dem seit elf. Jahren in England arbeitenden Forscher, aus dem Knochenmark von Leukämie-Patienten ein Virus zu isolieren, das er bei gesunden Versuchspersonen in keinem einzigen Fall feststellte. Freilich konnte Negroni das Virus auch im Knochenmark von sieben Leukämie-Kranken nicht finden – bei den übrigen acht wiesen die Knochenmarkproben einen so starken Bakterienbefall auf, daß die elektronenmikroskopischen Befunde zweifelhaft waren.

Das Virus, das vorerst die Bezeichnung ICRFHL1 trägt, ähnelt in vieler Hinsicht den bekannten Erregern der Leukämie bei Ratten, Mäusen und Vögeln. Außerdem greift es in Präparaten aus gesundem menschlichem, Rückenmark die Zellen an und zerstört sie. Im Blutserum Leukämiekranker wird das Virus neutralisiert, nicht dagegen im Blut gesunder Menschen. Dies alles spricht für die Annahme, daß es sich hier um einen Erreger der furchtbaren Krankheit handelt. Doch Negroni warnt vor allzu voreiligen Schlüssen: "Die Indizien reichen noch lange nicht aus, das Virus als Leukämie-Erreger zu identifizieren." Noch ist es zum Beispiel nicht gelungen, durch Injektionen mit Präparaten aus diesen Viren bei Versuchstieren Leukämie hervorzurufen. Allerdings hat man derartige Experimente bisher nur bei kleineren Versuchstieren durchgeführt. Jetzt soll die Wirksamkeit jener Virenübertragungen bei Affen geprüft werden. Die Aussichten auf Erfolg sind hier nicht besonders groß, weil Affen sehr viel seltener an Leukämie erkranken als Menschen und Mäuse.

Leukämie ist eine krebsartige Erkrankung der blutbildenden Körpergewebe, besonders des Knochenmarks. Eine Folge davon ist die Überproduktion von weißen Blutkörperchen, die außerdem defekt sind. Hinzu kommt in den meisten Fällen noch eine Anämie. Dies führt zu einer schweren Blutvergiftung und zu Infektionen, gegen die sich der Körper nicht mehr zu wehren vermag.

Der Verdacht, Leukämie könnte eine Viruskrankheit sein, erhärtet sich mehr und mehr. Wie bereits erwähnt, sind bei Mäusen und einigen Vogelarten – besonders Hühnern – Viren als Erreger der Krankheit eindeutig festgestellt worden. Auch regelrechte Leukämie-Epidemien hat man beobachtet. Berühmt wurde das Beispiel aus Niles, einer Vorstadt von Chikago. Hier fiel auf, daß unter den Kindern einer bestimmten Schule die Leukämie-Rate auffallend hoch über dem Durchschnitt lag. Bei weiteren Untersuchungen stellte sich heraus, daß auch im Freundeskreis der kranken Kinder, dem Spielkameraden aus anderen Schulen angehörten, Leukämie häufiger auftrat. Eine Chikagoer Ärztegruppe untersuchte das Blut von 57 Familienangehörigen der kranken Kinder und von 52 Vergleichspersonen, in deren familiärem und geographischem Umkreis keine Leukämie-Fälle bekannt geworden waren. Das Resultat: Im Blut von 19 Angehörigen der ersten Gruppe befanden sich Antikörper einer besonderen Art, die bei keiner einzigen Blutprobe aus der Kontrollgruppe festzustellen war.