Von Peter Grubbe

Der Hotelportier spricht englisch. Die Zeitungsjungen bieten amerikanische Wochenblätter und örtliche Tageszeitungen in englischer Sprache an. In den Bars wird Whisky und Gin getrunken. Und wenn man an den Straßenhändlern vorbeigeht, rufen sie: "Hallo, Mister!"

Das ist das erste, was mir auffällt in Saigon. Noch vor zwei Jahren, bei meinem letzten Besuch in Südvietnam sprach man in der Hauptstadt des Landes französisch. Die Vietnamesen hatten die französischen Kolonialherren zwar in einem siebenjährigen bitteren Krieg aus ihrem Lande vertrieben. Aber Saigon war noch immer eine französische Stadt. In den Cafés trank man Pernod. In den Buchhandlungen lagen Bücher von Sartre und Camus. Und in den Straßen, in denen die hübschen Mädchen in ihren bunten Seiden-Tunikas auf- und abflanierten, hing ein dünner Duft von süßem, französischem Parfüm.

Heute erscheinen in Saigon jeden Morgen zwei Tageszeitungen in englischer Sprache. Die Bars sind vollgestopft mit amerikanischen Soldaten. Und die Mädchen, die noch immer Spazierengehen, wenn der Wind vom Fluß die dampfende Hitze aus den Straßen weht, sprechen meist besser englisch als französisch. Genau wie die Taxichauffeure. Nicht aus Sympathie für die Amerikaner, sondern aus Geschäftsgeist.

Sechzehntausend amerikanische Soldaten verteidigen heute das Land. Seit zehn Jahren ist Vietnam geteilt. Seit fünf Jahren tobt in Südvietnam ein bitterer und blutiger Bürgerkrieg zwischen der pro-westlichen Regierung und kommunistisch geführten Partisanen, deren Zahl inzwischen auf über 80 000 geschätzt wird. Die südvietnamesische Armee ist 230 000 Mann stark. Aber die sechzehntausend amerikanischen Soldaten – offiziell "militärische Berater" genannt – werden immer mehr zum Rückgrat der westlichen Verteidigung. Es vergeht kaum noch ein Tag, ohne daß ein amerikanisches Flugzeug abgeschossen oder ein amerikanischer Soldat getötet wird.

Gleichzeitig rollt der Dollar. Etwa die Hälfte der Amerikaner ist in Saigon stationiert. Und ein einfacher Soldat erhält hundert Dollar im Monat, die er. ausgeben kann. Südvietnam lebt von den Amerikanern. Das Land erhält im Jahr 540 Millionen Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe von den Vereinigten Staaten. Das sind anderthalb Millionen Dollar pro Tag. Für französische Waren, die bisher fast drei Viertel aller Einfuhren ausmachten, werden seit der Anerkennung Rotchinas durch de Gaulle kaum noch Importlizenzen ausgegeben.

Die Wirtschaft des Landes stagniert. Das Mekong-Delta, das den Reis produziert, wird zu drei Vierteln von den Partisanen kontrolliert. Für die Kaffee- und Kautschukplantagen wird es immer schwieriger, ihre Ernten einzubringen und abzutransportieren. Viele Plantagenverwalter kommen nur noch mit dem Flugzeug nach Saigon, weil die Straßen unbenutzbar sind. Und die große Eisenbahnlinie des Landes, die von Saigon nach Norden führt, wird fast jeden zweiten Tag durch Sprengstoffanschläge unterbrochen.