Lenin: Ausgewählte Schriften. Herausgegeben und eingeleitet von Hermann Weber. Kindler Verlag, München. 1539 Seiten. 46,– DM

Es ist erstaunlich, daß seit 1945 kein westdeutscher Verleger sich entschließen konnte, Lenin herauszubringen. Diese Unterlassung ist um so verwunderlicher, als sich gleichzeitig von Jahr zu Jahr die Sekundärliteratur über den Leninismus, über die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge von Hegel – Marx – Lenin rapid vermehrte und die russischen sowie ostdeutschen Ausgaben nicht nur in ihrer Auswahl tendenziös waren, sondern sogar vor Fälschungen nicht zurückschreckten. Man verzichtete sogar darauf, eine Auswahl etwa jener Arbeiten des Gründers des Sowjetstaates bei uns zu edieren, die in den stalinistischen Ausgaben – sogar in den Gesamtausgaben! – unterschlagen wurden.

Obwohl es sich nur um eine Auswahl handelt, findet der Interessierte, der sich über Lenins Bedeutung orientieren will und Material zum Studium des genuinen Leninismus benötigt, in diesem umfangreichen roten Leinenband alles, was er sucht. Den Texten der Auswahl liegt die zweite russische Edition zugrunde, nach der vom Verlag für Literatur und Politik, Wien – Berlin (Ring-Verlag, Zürich) 1927 bis 1935 die erste deutsche Gesamtausgabe der Werke Lenins publiziert wurde. Diese Vorkriegsausgabe gilt als die bisher zuverlässigste.

Die Auswahl ist in vier Teile geliedert. Der erste bringt die Schriften zur Parteitheorie. Im zweiten Teil "Analyse von Imperialismus und Krieg" findet man die sich an Hobson und Hilferding anschließende Imperialismus-Studie, ferner die Kritik an Rosa Luxemburgs Junius-Broschüre, die Thesen über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Der folgende Teil enthält Lenins Schriften zur Programmatik und Strategie der russischen und der internationalen Revolution. Den Abschluß bilden einige Studien zu den ideologischen Grundlagen des Bolschewismus.

So bietet dieser Band das ganze Spektrum Lenins. Seine große Schrift "Was tun?" ist ein Meisterwerk politischer Illusionslosigkeit und zugleich jener sociological Imagination, wie sie der Yankee-Leftist Charles Wright Mills gefordert hat. In diesem klassischen Dokument für die Dialektik von challenge and response hat Lenin sich selbst gefunden: seine Konzeption von der revolutionären Intelligentsia, die den Massen "von außen" die politische Erleuchtung bringt; seine Vision von den konspirierenden Eliten; vom Klassenkampf mit allen legalen und illegalen Mitteln. Das hat nichts mit Rebellen- und Geheimbund-Romantik zu tun. Keine Spur von Robin Hood oder den "Weisen Zions". Plechanow wirkt als westlicher Edelmann, Rosa Luxemburg als rührende Jeanne d’Arc, Marx selber als deutscher Philosophie-Professor neben der unerbittlichen, fast grausamen, stets praxisbezogenen Rationalität dieses moskowitischen brain trust. Aber dieser Realismus hat zugleich eine utopische, ja eschatologische Perspektive – vor allem in den Schriften aus der Zeit seit 1917! Bis zu seinem Tode glaubte er an eine Weltrevolution: "... tatsächlich handelt es sich gar nicht um Rußland; ich schere mich den Teufel darum. Dies alles, mein lieber Herr, ist nur der Weg zur Weltrevolution."

Hermann Weber arbeitet diesen Aspekt Lenins in seiner Einleitung gut heraus: er zeigt zugleich, wie sich Stalin hier vollkommen vom Leninismus trennt. Aber nicht nur hier. Webers klug abwägende, stets auf die historische Konstellation rekurrierende Betrachtungen räumen mit einigen Vorurteilen – sowohl östlichen als westlichen – auf.

So bezweifelt Weber mit guten Gründen, daß Rußland ohne den bolschewistischen Sieg sich demokratisch entwickelt hätte: "Das, was sich während des Bürgerkrieges als Alternative zum Bolschewismus anbot und tatsächlich die Macht besaß (etwa Koltschak), war bestimmt nicht demokratischer‘ als der Bolschewismus... Die strukturell ähnlichen Länder Süd- und Südosteuropas, in denen die kommunistischen Parteien nicht zum Zug kamen, kannten zwischen den Kriegen alle möglichen Formen halbfaschistischer, faschistischer und monarchistischer Diktatur, aber kaum Formen der Demokratie. Nicht einmal das zivilisierte Deutschland... konnte nach dem Ersten Weltkrieg zu einer gesicherten Heimstätte der Demokratie werden. Daß ausgerechnet das noch rückständigere Rußland mit seiner analphabetischen Bevölkerung und dem völligen Mangel an demokratischer Tradition ohne den Sieg der Kommunisten eine ruhige, demokratische Entwicklung durchlaufen hätte, ist daher recht zweifelhaft".