Von Edgar Salin

Es gehört zu den erstaunlichsten Phänomenen der Gegenwart, daß nicht nur die jüngst vergangenen drei Jahrzehnte gern aus dem Gedächtnis gestrichen werden, sondern daß mit ihnen auch die Erinnerung an die großen Deutschen sich abgeschwächt hat, welche vor und nach der Jahrhundertwende das Forum der Universitäten und die politische Bühne bestimmten. Wenn man die heutige Jugend, auch die aus den Gymnasien kommende Jugend, befragt, welche Namen sie aus dieser Zeit kennen, so entdeckt man erschreckende Lücken. Wenn jetzt ein Soziologentag zum Gedenken an den hundertjährigen Geburtstag von Max Weber in Heidelberg veranstaltet wird, so ist die Hoffnung vielleicht erlaubt, daß sein Bild nun wieder in das Blickfeld der Geschichte hineingerückt wird.

Wer ist Max Weber gewesen? Äußerlich ist sein Leben sehr gradlinig verlaufen. Geboren als Sohn eines nationalliberalen Politikers ist er in Berlin in einer von hervorragenden Politikern und Wissenschaftlern gebildeten Umgebung aufgewachsen, hat sich dort 1892 für römisches und Handelsrecht habilitiert, wurde 1894 auf ein Ordinariat der Wirtschaftswissenschaften nach Freiburg und 1897 nach Heidelberg berufen. Eine Nervenentzündung zwang ihn 1903, seine Lehrtätigkeit aufzugeben. Nachdem er, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, in Wien die Erfahrung gemacht hatte, daß er doch wiecer regelmäßig dozieren könne, folgte er im Jahre 1919 einem Ruf nach München auf den Lehrstuhl von Lujo Brentano. Dort ist er nach kurzer, doch außerordentlich wirkungsvoller Lehrtätigkeit unerwartet bereits am 14. Juni 1920 gestorben.

Reiht man diese Lebensdaten aneinander, so scheinen sie auf ein durch Krankheit unterbrochenes, im übrigen aber normales Gelehrtenleben zu deuten. Und ein Gelehrter ist Max Weber wirklich gewesen, wenn auch nicht vom Schlag jener Exzellenzen und Professoren, die den damaligen Gelehrtentypus darstellten; dem schon als Gelehrter fiel er aus dem Kreis seiner Kollegen heraus durch seine Universalität.

Er ist Jurist ersten Ranges gewesen, er war Nationalökonom, er war Wirtschaftshistoriker, er war Religionshistoriker und er war vor allem Soziologe – Soziologe auf der Grundlage solch letzter und tiefster Fragen an den Menschen, seine Geschichte und seine Bestimmung, daß Jaspers den Freund und Mentor als den Philosophen dieser seiner Zeit hat feiern können. Aber er war nicht nur universeller Gelehrter, sondern er war interessierter Politiker; vielleicht müßte man sagen: sein Temperament trieb ihn zur Politik – die erzwungene Askese ließ ihn sich in der Wissenschaft vergraben.

Und mit alledem ist das Beste noch nicht gesagt: Max Weber war ein Mensch von gebietender Kraft, von imponierender Größe und zugleich von bezwingender Zartheit des Herzens und Verletzlichkeit des Gemüts. In meiner Lebenszeit bin ich außer Stefan George keinem Menschen begegnet, der größer gewesen ist als er, und außer Karl Wolfskehl keinem, der ihm an Wucht gleichkam. Aber während Wolfskehl wirkte und sprach, indem er mit raumgreifenden Schritten das Zimmer durchmaß, ging die gleiche gebietende Wirkung von Max Weber aus, der ruhig im Sessel oder auf dem Sofa saß. Erstaunlich war die herrscherliche Würde, die von dem Kranken ausstrahlte, den seine Gattin fürsorglich betreute, bis er mit einer kurzen Geste alle Fürsorge von sich wies und zu belehren, zu diskutieren oder zu wettern begann.

Wie oft bin ich mit jungen und älteren Freunden gerade an ereignisvollen Tagen bei ihm in dem großen Zimmer in der Zieglhäuser Landstraße in Heidelberg gewesen. Wer an jenem Sonntag des Juni 1914 dabei war, als die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand kam, hat nie die Erschütterung vergessen, die sich aller Anwesenden bemächtigte, als Max Weber mit seiner dunklen Stimme anhob, von dem hereinbrechenden Verhängnis zu sprechen und den Krieg – den verlorenen Krieg – vorauszusagen und über die Vernichtung Deutschlands zu klagen.