Wer heute an die Opferbereitschaft der bundesdeutschen Öffentlichkeit appelliert, der tut gut daran, seine Initiative möglichst überzeugend zu begründen und sich nicht allein auf die Würde einer Tradition und das evidente Recht einer Sache zu berufen – selbst dann nicht, wenn es sich um das Wohl der Mütter und die so verdienstvolle Arbeit des Deutschen Mütter-Genesungswerks handelt. Ist, so könnte man fragen, die deutsche Mutter des Jahres 1964 wirklich "gefährdet", ist sie es mehr und anders als die des Jahres 1914 oder teilt sie ihre Gefährdungen nicht mit den Müttern aller Zeiten und mit allen anderen Zeitgenossen auch? Da werden erschreckende Unfallziffern genannt, um die Gefährlichkeit der Hausfrauenarbeit zu erweisen. Da ist davon die Rede, daß der Mutter- und Hausfrau-"Beruf" Schwerstarbeit sei und zudem ein Höchstmaß an organisatorischem Talent erfordere. Da wird insbesondere auf die Gefährdung der Mutter durch nachwirkende Kriegsbelastungen, der Hausfrau auf dem Lande und der kinderreichen Mutter hingewiesen. Da wird schließlich gefordert, endlich den Anteil zu erkennen und zu honorieren, den die "bloße Hausfrau und Mutter" an der Sicherung und Steigerung unseres Sozialprodukts habe. Macht uns ein derart begründeter Appell noch nachdenklich und großherzig genug?

Das Deutsche Mütter-Genesungswerk gab in diesen Tagen zu Beginn der bevorstehenden traditionellen Haus- und Straßensammlung seinen Rechenschaftsbericht im Rathaus in Kiel ab. Es hat sich keineswegs damit begnügt, die Öffentlichkeit mit alarmierenden Untersuchungsergebnissen zu konfrontieren. Auch wer geglaubt haben sollte, man würde dort der schnöden Gegenwart aus begreiflichen Gründen das unerrreichbar ferne, aber um so verklärtere Bild vom "schönen Mutterberuf" vorhalten, der wurde eines Besseren belehrt. Frau Liselotte Nold von der Geschäftsführung der Stiftung betonte in ihrem Kieler Referat vielmehr, wie wenig daran gelegen sei, die Idylle des vergangenen Familienlebens zu preisen und die heutige Situation der Mutter zu einem entsetzlichen Unglück zu erklären. In nüchterner Analyse bemühte sie sich um den Nachweis, daß die "Spezifische Gefährdung der Mutter in unserer Zeit" – so lautete das Thema – vor allem aus der fehlenden Vorstellung davon entspringe, wie eine "richtige" Mutter heute sein müsse. Das unkorrigierte Rollenbild der ausschließlich auf Familie und Mutterschaft hin erzogenen Frau des 19. Jahrhunderts belaste noch heute das Selbstverständnis derjenigen jungen Mütter, die aus der Lebenssituation eines vollgültigen Berufs heraus, unvorbereitet, "ungelernt" in eine Aufgabe hineingestellt würden, der sie gar nicht gewachsen sein und aus der sie kein neues Selbstwertempfinden gewinnen könnten. Nur allzu leicht und voreilig würden sie für "schlechte Mütter" und für "anspruchsvolle Frauen" gehalten, wenn sie nicht ohne weiteres in der "natürlichen" Selbstlosigkeit bloßer Dienstleistung und liebender Fürsorge aufgingen – unbezahlt, isoliert, wenig anerkannt. Und nur allzu oft seien es solche unbewältigten Belastungen, die dem Krankheitsbild gerade junger "Patientinnen" in Müttergenesungsheimen zugrunde lägen.

Diesen modernen Müttern zu einem neuen, angemessenen Selbstverständnis zu verhelfen, sei eine dringende, wenn auch noch kaum erkannte Aufgabe des Mütter-Genesungswerks. Es stimme einfach nicht, daß die Mütter heute nicht mehr Mütter sein wollten. 75 von je 1000 der vom "Deutschen Verein für öffentliche Und private Fürsorge" befragten Frauen hätten 1962 erklärt, daß es die schönste Lebensaufgabe sei, "für Mann und Kinder zu sorgen".

Alles komme darauf an, diesen Willen in der aktuellen gesellschaftlichen Situation realisieren zu helfen. Materielle Hilfe sei notwendig, um die Mutter von einer Erwerbstätigkeit zu entbinden, auf die auch heute noch viele Familien angewiesen seien. Materielle Hilfe könnte zugleich dazu beitragen, die Tätigkeit der Hausfrau im öffentlichen Bewußtsein aufzuwerten. Materielle Hilfe sei vor allem erforderlich, um den Müttern in sinnvoll eingerichteten Mütterferien zu einer klärenden Auseinandersetzung mit ihren Aufgaben zu verhelfen. Sich auf diesen Bereich mütterlich-hausfraulicher Aufgaben "eine Wegstrecke lang" zu beschränken, aber zugleich die persönlichen Interessen "über den engsten Bereich hinaus lebendig zu erhalten", auf vieles zu verzichten, aber zugleich "die Fäden ins übrige Lesen hinein" festzuhalten – das sei die Haltung, zu der die Mutter von heute gelangen müsse.

Wird hier also doch der Versuch unternommen, das traditionelle Bild der Mutter in einem einseitigen Kompromiß zwischen Familie und Beruf, in einem Verzicht auf die eingeübte Existenzform des Berufs zu aktualisieren? Soll die versäumte Ausbildung als Hausfrau und Mutter so nachgeholt werden? Daß sie mit der allmählichen Entwöhnung von der Berufswelt verbunden ist und nur durch das Bewußtsein gemildert, noch durch persönliche Interessen und einige "Fäden" mit dem "Leben da draußen" verbunden zu sein? Wird die Mutter doch wieder zum stabilisierenden Element einer Zeit erklärt, in der "alles in Fluß geraten" ist? Sicherlich nicht. Sicherlich wäre das keine ausreichende Therapie auf Grund einer richtigen Diagnose. Es wäre gewiß falsch, die konstatierte Bereitschaft der modernen Frau, eine Ehe zu führen und Kinder zu erziehen, durchweg mit der Bereitschaft gleichzusetzen, den erlernten, studierten und oft jahrelang ausgeübten Beruf zugunsten privater Interessen ein für allemal aufzugeben. Ganz abgesehen, daß es in unserer Industriegesellschaft unmöglich wäre, die Arbeit aller Frauen, die Mutter werden, zu entbehren. Es wäre auch für die staatlich geprüfte Kandidaten des höheren Lehramts, unangemessen, bei der Entscheidung der Frau zwischen Ehe und Beruf immer nur an ein Entwederoder, nie an ein Sowohl-als-auch zu denken, und grundsätzlich davon auszugehen, daß es die Aufgabe der Gesellschaft sei, den Müttern durch materielle Hilfe das "Daheimbleiben" zu ermöglichen. Sie wollen vielleicht gar nicht mehr die "Daheimbleibenden" sein.

Seit einem halben Jahrhundert gibt es in Deutschland die berufstätige, die beamtete, die studierte Frau. Sie scheint dadurch ebenso wenig ihre Qualifikation zur Mutter und Hausfrau eingebüßt zu haben, wie das umgekehrt der Fall wäre. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, daß nicht nur die berufstätige Mutter, die dem Zwang der Verhältnisse folgt, sondern daß auch die berufswillige Mutter, die den Beruf zu ihrer Selbstverwirklichung braucht, kein zu beklagender Einzelfall bleibt. Und ebenso, wie im Bereich der Kinder- und Jugenderziehung neue Lösungen außerhalb der Familie angestrebt werden, wird man das Bild der modernen Mutter nicht mehr vollständig im Rahmen der Familie auffinden können. Allerdings bleibt die Gefahr, daß die Frauen ihren Kräften zu viel zumuten und durch eine doppelte Aufgabe überlastet sind. Dem Deutschen Mütter-Genesungswerk erwachsen aus dieser Situation "spezifischer Gefährdung" immer schwerere Aufgaben. Es ist gut zu wissen, daß sie dort erkannt sind. Gelöst werden können sie nur mit unser aller Hilfe. 1963 wurden für unsere Mütter 7,5 Millionen DM gespendet. Diese Spenden sind wichtig für jene Frauen mit Kindern, die Hilfe von außen brauchen. Aber darüber hinaus muß in unserer Gesellschaft das Bewußtsein zunehmen, daß die berufstätige Frau die Mutter ist, Erleichterungen braucht, wie sie in der Halbtagsarbeit schon seit langem gefordert, aber immer noch völlig unzureichend gewährt werden. Hans Georg Herrlitz